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PreisträgerInnen 2009, 2007, 2005 2003 und 2001

Berichte zu den vergangenen AMOS-Preis-Verleihungen finden Sie unter folgenden Stichworten:
 

AMOS-Preis 2009

AMOS-Preis 2007

AMOS-Preis 2005

AMOS-Preis 2003

AMOS-Preis 2001

 
 

5. Verleihung am Sonntag Reminiscere, 8. März 2009, 12 Uhr, Erlöserkirche Stuttgart an die Sozialpädagogin Dr. Herta Leistner
 

Begrüßung, Fritz Röhm, Ehrenvorsitzender der Offenen Kirche

Fritz RöhmWir freuen uns, heute zum fünften Mal den AMOS-Preis für Zivilcourage in Religion, Kirche und Gesellschaft zu verleihen. Im Namen des Vorstands der Offenen Kirche heiße ich Sie alle dazu herzlich willkommen.

Besonders grüße ich die Preisträgerin, Frau Dr. Herta Leistner.
Ich grüße Frau Prof. Dr. Monika Barz, Herrn Prof. Dr. Dietmar Mieth, Herrn Dr. Erhard Eppler.

Wir freuen uns, dass Vertreterinnen von Netzwerken unter uns sind, der Ökumenischen Arbeitsgruppe „Lesben und Kirche" und Frauen des Netzwerks katholischer Lesben aus der Regionalgruppe in Mainz.
Herzlich willkommen Sie alle, liebe Mitglieder, Freundinnen und Freunde der Offenen Kirche, liebe Gäste.
Bestimmt wären noch viele Frauen gekommen, wenn sie nicht an Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag heute teilnehmen würden. Das Motto der Kampagne des DGB lautet „Frauen bestimmt“.
Ich ergänze dieses Motto und widme es heute auch Ihnen, Frau Dr. Leistner: „Frauen selbst-bestimmt!“

Die Jury war sich bald einig und sicher, Ihnen, sehr geehrte Frau Dr. Leistner, den AMOS-Preis zu verleihen, und zwar ungeteilt, und damit zu würdigen, was Sie um die Wahrnehmung und Interessenvertretung homosexueller Menschen in den Kirchen riskiert und geleistet haben.
Alle bisherigen AMOS-Preisträgerinnen und -Preisträger haben sich als Christinnen und Christen mutig und solidarisch in der Gesellschaft für Recht und Gerechtigkeit eingesetzt. Doch Sie haben in besonderer Weise innerhalb der Kirche Ihre Existenz eingesetzt, dabei Ihre berufliche Existenz riskiert und sich mit Ihrer persönlichen Existenz ausgesetzt, ohne zu wissen, ob sich ein Schutzraum finden wird, der Sie und andere tragen kann.

In Ihrem Brief an uns liest sich Ihr Motiv dazu ganz einfach: „Der Mensch bringt sich in seinen Beruf auch selbst mit ein. Ich war immer aufmerksam im Blick auf Lebensformen, sehr vorsichtig mit meiner eigenen und in mir in der Auseinandersetzung, wie Lesbisch und Christin sein zusammengeht.“
Die Konsequenz aus dieser nüchternen Haltung führte Sie zu den Tagungen und Veröffentlichungen, die wie eine Initialzündung im öffentlichen Raum wirkten. Das Schweigen um homosexuelle Lebensformen war gebrochen. Netzwerke entstanden, die das Gespräch und die Erwartungen wach halten. Unterschiedliche Lebenspartnerschaften haben heute Raum in unserer Gesellschaft. Homosexualität ist kein Tabu mehr.
Doch wie sieht es in den Kirchen aus? Trotz veränderter Gesetzeslage ist das Thema Homosexualität gerade in den Kirchen unerledigt. Die Ruhe in den Kirchen ist ein Burgfrieden. Oder - wie Sie, Frau Dr. Leistner, es ausgedrückt haben - „Die – sogenannte – Ruhe, die zur Zeit zum Thema Homosexualität in den Landeskirchen herrscht, ist nicht durch die Lösung der Konflikte gekommen. Sie kommt eher dadurch, dass der Staat Entscheidungen getroffen hat, so dass auch die Kirchen etwas mehr Toleranz zeigen müssen.“

Eine als „bahnbrechend“ bezeichnete Entscheidung traf die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland im Januar dieses Jahres. Sie beschloss, eingetragene Lebenspartnerschaften im Besoldungs- und Versorgungsrecht der Kirche mit Ehepaaren, Witwen und Witwern gleichzustellen. Das ist gut so. In der Begründung wird allerdings betont, dass damit die Diskussion um die ethische Beurteilung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften nicht fortgesetzt werde und dass der Beschluss die Gleichordnung von eingetragenen Partnerschaften mit der Ehe nicht impliziere. Also ein kleiner Mut ohne große Konsequenz, wie der berühmte Pilgerschritt: Zwei Schritte vor und einen zurück.

Wie sieht es in unserer württembergischen evangelischen Kirche aus? Noch gilt als offizielle Position für homosexuelle Partnerschaften der Beschluss der Landessynode von 1994: „Eine Segnung findet nicht statt.“ Noch knapper und liebloser kann man es eigentlich nicht ausdrücken. Wie lange noch müssen Menschen, die für ihre Partnerschaft um Gottes Segen bitten, diesen Wunsch unter vorgehaltener Hand sagen oder anderswohin gehen?

Ob wir, die Offene Kirche, wieder Ärger bekommen wegen der Verleihung des AMOS-Preises heute – wie Sie, Frau Dr. Leistner, befürchten   das ist nicht entscheidend. Diesen Ärger stellten wir in Rechnung, als wir die Preisverleihung übernommen und den Preis nach dem Propheten AMOS benannt haben. Ich fürchte vielmehr, dass unsere Evangelische Kirche vor neuen Auseinandersetzungen mit evangelikalen Positionen steht, die ihr aufgedrängt werden.

vordere Reihe linksVor fünf Wochen erschien in der Zeitschrift idea-Spektrum in einer Serie über „Evangelikale – wie sie wirklich sind“ ein Aufsatz des Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, Dr. Christoph Morgner.
Er vertritt seine Positionen – ich zitiere – „... für den größten Zusammenschluss von Christen in evangelikaler Tradition im deutschsprachigen Europa“. Unter dem Titel: „Ja zur Volkskirche – Nein zu Irrwegen“ wird gesagt: „Es gibt keinen evangelikalen Marsch durch die Institutionen“. Plakativ heißt es: „Volkskirche Ja“. Aber: vorausgesetzt wird ein sogenanntes Gesamtmodell Kirche, das wesentliche pietistische bzw. evangelikale Essentials beinhalten muss und das von Missständen gereinigt ist. Ich zitiere: „Unser grundsätzliches Ja zur Kirche bedeutet ... nicht, dass wir damit auch ein Ja zu einzelnen Missständen sagen, die wir in der Kirche vorfinden und unter denen wir leiden. Ob es sich um die ... fragwürdige historisch-kritische Bibelauslegung handelt oder ein vermehrtes Einsickern der abzulehnenden ‚Bibel in gerechter Sprache‘ in den gottesdienstlichen Gebrauch, ob es die gottesdienstliche Segnung homophiler Partnerschaften betrifft, um die es mittlerweile recht still geworden ist – zu diesen und anderen Irrwegen nehmen wir klar aus biblischer Sicht Stellung.“

Ich habe einige Fragen dazu:

  • Für welches Volk ist diese Kirche gedacht und wer soll davon ausgeschlossen sein?
  • Was steckt hinter diesen unaufgeklärten Positionen?
  • Warum hält sich ein solch liebloses Bibelverständnis so zäh, trotz aller theologischer Forschung?
  • Wo ist dabei Hilfe zu gelingendem Leben, zu dem Jesus uns verhelfen will?
  • Welche Angst bestimmt diese Kirchenpolitik? Angst vor der Freiheit des Menschen? Angst gegenüber Menschen anderer Lebensart? Angst vor der Verkündigung der Freiheit von den Kanzeln?
  • Welche politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen werden dadurch in Kauf genommen oder absichtlich gewollt?

Wir sind überzeugt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Galater 5,1) Auch zur Freiheit der Toleranz. Deshalb erhebt die Offene Kirche immer wieder ihre Stimme für Menschen und Positionen, die ausgegrenzt sind oder ausgegrenzt werden sollen. Auch in der Kirche.
Deshalb ist es gute Tradition, den AMOS-Preis in einer Kirche zu verleihen.
Ich danke meiner Gemeinde, dass die Erlöserkirche auch heute zur Verfügung steht.

Ich freue mich, dass wir den AMOS-Preis 2009 heute Ihnen, Frau Dr. Leistner, verleihen können.
 

Laudatio - Prof. Dr. Monika Barz, Professorin an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg für den Bereich „Theorie und Praxis Sozialer Arbeit“.

Fritz Röhm:

Sie sind Mitstreiterin und Wegbegleiterin von Dr. Herta Leistner. Gemeinsam mit ihr haben Sie
- öffentlich das Schweigen gebrochen über die Realität lesbischer Existenz auch in der Kirche,
- die Initiative zu Tagungen ergriffen und diese in einer gemeinsamen Dissertation ausgewertet.
Wer wäre geeigneter, die Laudatio auf unsere Preisträgerin zu halten. Wir danken Ihnen, dass Sie diese Aufgabe übernommen haben.

Prof. Dr. Barz:

Prof. Dr. Monika BarzSehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freude, liebe Herta,
Was ist das heute für ein wunderbarer Tag: Dein unermüdliches Engagement für uns lesbische Frauen in den Kirchen wird gewürdigt. Laut und öffentlich, freundlich und stolz, feierlich und in einer Kirche.
Es ist mir eine große Ehre, als Deine Freundin und Tagungspartnerin zu sprechen.

Geboren wurdest Du 1942 in Altensteig im Schwarzwald. Dein Elternhaus war evangelisch und fromm. Aus Erzählungen von Dir weiß ich, wie wichtig Dir zu dieser Zeit der Mädchenkreis und später die Pfadfinderinnen waren. 1959 begannst Du ein Freiwilliges Diakonisches Jahr in der Evangelischen Diakonissinnenanstalt in Stuttgart. Später folgte die Ausbildung zur Gemeindehelferin in Denkendorf. Ermutigt von einer Lehrerin, holtest Du das Abitur in der Abendschule nach und begannst 1969 in Tübingen mit dem Studium der Sozialpädagogik. Fünf Jahre später, 1974, nahmst Du an der Evangelischen Akademie Bad Boll eine Stelle als Studienleiterin an. 1977 zog es Dich zu einer sechsmonatigen Weiterbildung in die USA. Diese Zeit gab Dir die Impulse, die Kraft und den Mut, ab 1979 mit den Werkstatt-Tagungen zur Feministischen Theologie in Bad Boll anzufangen.

Darüber hinaus warst Du als Lehrbeauftragte an der Universität Tübingen tätig. ‚Gruppendynamik‘ und ‚Methoden der Erwachsenenbildung‘ bei Herta Leistner waren bei den Studierenden begehrte Seminare. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich war eine von ihnen. Ich war eine der vielen Studierenden, die von Deinem reichen Erfahrungsschatz und Deiner einfühlsamen methodischen Arbeit profitierten. Meine Begegnung mit Dir war schicksalhaft für mich. Du hast mir den Weg in die evangelische Kirche gezeigt und mich miterleben lassen, dass es sich lohnt, drin zu bleiben.

1985 organisierten wir gemeinsam mit der Katholikin Ute Wild die erste Tagung für lesbische Frauen in Bad Boll. Es war Deinem Mut zu verdanken, dass diese Tagung keine Eintagsfliege blieb. Viele Tagungen folgten in den Jahren danach. Du nahmst die Debatten mit der Akademieleitung und der Synode in Kauf. Du wagtest es, Deine Reputation als angesehene Studienleiterin in die Wagschale zu werfen. Du wagtest es, Dich der Kritik preiszugeben. Gemeinsam planten und gestalteten wir über 20 Tagungen, aber immer warst Du es, die in der Württembergischen Landeskirche ins Kreuzfeuer der Kritik gezogen wurde. Ich selbst arbeitete hauptberuflich damals weit weg in der Hannoverschen Landeskirche. Ich bewunderte Dich aus der Ferne: Deine unendliche Geduld mit Prozessen, mit Gremien und mit Menschen, die aufgeschreckt und teilweise verletzend reagierten, weil lesbisches Leben in den Kirchen sichtbar gemacht wurde.

Es war Deinen Kontakten zu verdanken, dass wir seitens des Kreuzverlages ermutigt wurden, ein Buch über lesbische Frauen in den Kirchen zu schreiben. Eine kleine Episode aus dieser Zeit verdeutlicht das Ausmaß unserer damaligen eigenen Unsichtbarkeit als lesbische Frauen in den Kirchen:
Herta telefonierte mit ihrer Lektorin im Kreuzverlag. Es ging über eines ihrer Bücher, das sie dort zur Feministischen Theologie veröffentlicht hatte. Sie und ihre Lektorin plauderten auch über dies und das. Dabei kamen sie auf das Thema Homosexualität und Kirche zu sprechen. Die Lektorin zu Herta. „Schade, ich kenne gar keine lesbische Frau in den Kirchen“. Hertas Antwort: „Sie sprechen gerade mit einer“.
Dieses „Sie sprechen gerade mit einer“ ist für mich zum Sinnbild unserer Bewegung geworden. Wir wurden sichtbar, wir zeigten uns. Zivilcourage zeigt sich oft in den kleinen Schritten. Jede große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt.

Erlöserkirche - Prof BarzGemeinsam mit Ute Wild und vielen damals noch anonym bleibenden Teilnehmerinnen unserer Tagungen wagten wir uns an das Buchprojekt heran. Es wurde zu einem Meilenstein der kirchlichen Lesbenbewegung Deutschlands. 1987 erschien es im Kreuz-Verlag mit dem Titel „Hättest du gedacht, dass wir so viele sind?“ Auch in diesem Entstehungsprozess warst Du das Herzstück unserer Gruppe. Es gehörte viel Mut dazu, als eine, die in der Mitte der Württembergischen Landeskirche groß geworden ist, Sichtbarkeit zu wagen. Du hast uns lesbischen Frauen damit ein bekanntes Gesicht verliehen. Dies trug wesentlich zum Erfolg des Buches bei. Aktenordnerweise erreichten uns positive Zuschriften von Frauen, die sich im Buch wiederfanden und dankbar waren, dass das Ungesagte endlich gesagt wurde.

In der Kirchenhierarchie sorgte das Buch für negatives Aufsehen. Es soll Überlegungen gegeben haben, gegen Dich ein Disziplinarverfahren durchzuführen, weil Du im Buch mit Deiner Dienstadresse als Anlaufstelle für lesbische Frauen genannt wirst. Wie heilsam und versöhnend liest sich heute, 22 Jahre später, die Begründung für die Amos-Preis Verleihung an Dich: „Mit ihrem Buch Hättest Du gedacht, dass wir so viele sind? hat Herta Leistner Tausenden von anderen Menschen geholfen, ihr Doppelleben in der Kirche zu überdenken und zu verändern.“

Nach der Veröffentlichung des Buches wuchsen die Tagungen in Bad Boll stetig. Sie wurden zu wichtigen Foren und sicheren Denk- und Bewegungsräumen für lesbische Frauen in den Kirchen. Unsere Tagungsthemen waren vielfältig, die Teilnehmerinnen bunt und die Feste begehrt und lang. Nicht so vielfältig waren die alljährlichen Debatten in der Synode. Jedes Jahr hieltest Du wieder aufs Neue in der Akademie den Kopf hin, wenn es in der Herbstsynode bei den Haushaltsdebatten wieder aufs Neue darum gehen sollte, ob nicht die kirchlichen Zuschüsse an die Akademie aufgrund der Lesbentagungen gekürzt werden sollten. An dieser Stelle ist es mir ein großes Anliegen, der Akademie Bad Boll herzlichst zu danken. Dort sitzen und saßen Frauen und Männer, die die Tagungsarbeit mit all ihrer Liebe und kirchpolitischer Intelligenz unterstützen. Ohne diese Rückendeckung der Akademie wäre das nicht denkbar, was wir heute hier feiern.

Es war Dein Verdienst, dass dieses Netz der Unterstützer und Unterstützerinnen immer größer wurde. Denn Du warst es, die unermüdlich erklärte, vermittelte, sachlich argumentierte. Du warst es, die authentisch ihren Glauben an die Ebenbildlichkeit Gottes – die auch für uns Lesben gilt – gelebt und in allen Gesprächen als Selbstverständlichkeit vermittelt hast. Du warst und bist eine großartige Netzwerkerin. Du verbindest, stärkst Dein Gegenüber, gibst anderen Raum, ermutigst sie, ihre Interessen selbst zu vertreten. Du nimmst andere mit auf Deinem Weg der politischen und spirituellen Selbständigkeit.

An dieser Stelle fällt mir eine Geschichte ein. In der Küche sollt ihr gesessen haben, damals Ende der 80er Jahre. Alles Pfarrerinnen, alle lesbisch, alle unsichtbar versteckt, alle vereinzelt und ängstlich. Ermutigt hast Du sie, sie selbst zu sein, sich zu zeigen auch und gerade in dieser konservativen Württembergischen Landeskirche. Sie erinnern sich noch gerne daran, wie Du sie am Küchentisch bestärkt hast, sich zusammenzuschließen. Heute bilden sie zusammen mit den schwulen Kollegen den Konvent lesbischer Pfarrerinnen und schwuler Pfarrer. Sie sind eine politische Größe, treffen sich regelmäßig mit der Kirchenleitung und geben sich untereinander den erforderlichen Halt auf ihrem Weg durch die noch immer lesbenfeindlichen kirchlichen Landschaften. Ich soll Dich ganz herzlich von ihnen grüßen. Sie erinnern sich gerne an die wichtigen Impulse, die Du ihnen damals gegeben hast.

Du weißt, wie privilegiert ich mich fühle, viele Deiner Schritte miterlebt zu haben. Eine meiner schönsten Erinnerungen meines wissenschaftlichen Arbeitens sind die intensiven Diskussionen über unsere gemeinsame Doktorarbeit. 1993 schlossen wir sie an der Universität Hannover ab. Unserem Doktorvater verdanken wir all die moralische und institutionelle Rückendeckung, die damals noch erforderlich war, um über lesbische Frauen in den Kirchen zu promovieren.

1994 kam in Bad Boll der Einschnitt. Du wurdest von der EKD in die Leitung des Frauen- und Studienzentrums nach Gelnhausen berufen. Dieser Schritt wurde – für uns völlig unerwartet – zu einem riesigen Eklat. Evangelikale Gruppen sammelten 12.000 Unterschriften gegen Deine Berufung. Sie forderten von der EKD, die Personalentscheidung rückgängig zu machen. Sie verloren den kircheninternen Machtkampf. Doch als im Sommer 1994 das Anna-Paulsen-Haus feierlich eingeweiht wurde, versammelten sich 150 DemonstrantInnen am Rande des Festaktes mit tief verletzenden Spruchbändern.

Ich weiß, wie nah Dir damals diese Angriffe gingen. Nichts bringt Dich mehr aus Deiner schwäbischen Ruhe und Gelassenheit, als wenn Menschen Dir abzusprechen versuchen, dass Du gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft Jesu Christi bist. All die Angriffe konnten aber Deiner tiefen Verwurzelung im christlichen Glauben nichts anhaben. Sie haben Dich nicht verbittert. Deine Gelassenheit, dein tiefes Gottvertrauen, deine menschliche Wärme und dein schwäbischer Humor kennzeichnen Dich noch heute.

Ja, wer ist sie? Dieser Fels in der Brandung, diese Herta Leistner? Die viel bewunderte und für ihre Zivilcourage ausgezeichnete Frau? Eine Kämpferin, die schwer bewaffnet mit stählernem Blick ins Schlachtfeld zieht, das Visier ganz runter gezogen, immer zu einem Dolchstoß bereit? Eine Rednerin, die sich selbst inszeniert und aufgebracht ans Mikrophon drängt, um die Massen anzupeitschen und zu bekehren?
Nein. Herta Leistner entspricht keinem dieser Klischeebilder. Herta wirkt durch Herta! Zurückhaltende Gesten, harmoniegeleitete Sprache, offenes Gesicht, bodenständige Ehrlichkeit und klare Aussagen kennzeichnen sie. Eine Kabarettistin aus Darmstadt hat einen Programmtitel, der Dir auf den Leib geschnitten scheint. Er heißt: „Das Leben ist hart, aber ich bin Herta“.

Herta Leistner und Monika BarzHätten Sie, liebe Festgäste, gedacht, dass Pferde füttern, mit Hunden spielen, Computer programmieren und Holzhacken ihr mehr Vergnügen machen, als mit Kirchenvertreterinnen und -vertretern zu diskutieren? Nichtsdestotrotz hast Du Dich, liebe Herta, immer wieder darauf eingelassen. Immer dann, wenn es nötig war. Immer dann, wenn Angriffe gegen lesbische Christinnen gefahren wurden und die Hand oder das Wort gegen sie erhoben wurde. Dein Engagement machte vor den württembergischen und deutschen Grenzen nicht halt. Deinen Kontakten zum Ökumenischen Rat der Kirchen war es zu verdanken, dass Lesben in anderen Teilen dieser Welt von unseren Befreiungsbemühungen hörten und durch Dich Mut bekamen, sich auch in ihren Kirchen zu zeigen und Gerechtigkeit zu fordern.

Heute wirst Du durch den Amos-Preis geehrt. Ich beglückwünsche Dich, liebe Herta. Darüber hinaus beglückwünsche ich all jene, die Dich vorgeschlagen, und all jene, die Dich ausgewählt haben. Sie hätten keine Bessere finden können.

Ihnen, liebe Festgäste, danke ich von Herzen, dass sie zu dieser Feierstunde gekommen sind. Ihr Kommen, ihr Dabei-Sein macht diese feierliche Würdigung erst möglich. Sie ehren damit Herta und unterstreichen ihr Anliegen. Sie machen durch ihre Präsenz heute hier in der Erlöserkirche allen sichtbaren und unsichtbaren lesbischen Frauen Mut. Lassen Sie uns in Zukunft gemeinsam mit Zivilcourage für ein gleichberechtigtes Leben homosexueller Männer und Frauen in unseren Kirchen eintreten. Es gibt noch viel zu tun. Packen wir’s gemeinsam an.
 

Vortrag – Prof. Dr. Dietmar Mieth, Inhaber des Lehrstuhls „Theologische Ethik unter besonderer Berücksichtigung der Gesellschaftswissenschaften“ an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Fritz Röhm:

Prof. Dr. Dietmar Mieth hält keine Co-Laudatio auf die Person der Preisträgerin. Mit seinem Vortrag wird er aber doch eine Rolle spielen im Sinne eines Laudators. Der Jury des AMOS-Preises war es bei ihrer Entscheidung wichtig, nicht nur ein verdienstvolles Lebenswerk zu würdigen, sondern mit der Preisverleihung öffentlich anzusprechen, was auch heute noch im Untergrund ungeklärt und ungelöst ist. Ich danke Ihnen, dass Sie als Theologe und Ethiker mit Ihrem Vortrag diese Aufgabe übernommen haben.

Prof. Dr. Mieth: Homosexualität in den Kirchen – Burgfrieden ohne Klärung
Kurzfassung

In den letzten Jahrzehnten ist die Toleranz gegenüber Homosexualität in den Kirchen spürbar gewachsen. Homosexualität bleibt zwar die Selbsterfahrung und das Verhalten einer Minderheit, dessen Entstehung nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden kann, aber diese Selbsterfahrung und die darauf gegründeten Beziehungen gelten als legitim, insofern das Befinden als genuine Erfahrung erscheint und als Voraussetzung für gelingende Partnerschaften verstanden wird. Dabei spielt es für die soziale Einschätzung auch eine Rolle, dass die „Verführungs“ - These einer empirischen Überprüfung nicht standgehalten hat. Insofern würde heute jemand die „political correctness“ verletzen, wenn er Homosexualität als Selbsterfahrung diskriminiert.

Prof. Dr. Dietmar MiethMan muss jedoch zwischen Toleranz und Anerkennung unterscheiden. Bei Toleranz gibt es darüber hinaus verschiedene Einstufungen, die von bloßer Duldung über eine Vergleichgültigung bis zu einer pauschalen Achtung vor dem Anderssein reichen. Anerkennung bedeutet jedoch mehr als die letzte Stufe dieser Skala. Der Unterschied wird durch Anerkennung gleichsam auf Augenhöhe gesehen. Daraus ergeben sich Forderungen von der Gleichwertigkeit bis zur Gleichstellung der Homosexualität. Solche Forderungen machen aber in den Kirchen Schwierigkeiten, die je nach evangelischem oder katholischem Kontext anders aussehen.

Worauf beruhen diese Schwierigkeiten?

Zunächst beruhen sie auf Gewohnheiten, die nicht genügend von Wahrheiten unterschieden werden. (Papst Leo XIII soll einmal Proteste belgischer Monarchisten gegen eine demokratische Verfassung mit dem Hinweis beantwortet haben: „Christus hat gesagt, ich bin die Wahrheit, nicht, ich bin die Gewohnheit.“) Aber die Schwierigkeiten greifen auch emotional tiefer. Die emotionalen Blockaden gegen eine Wahrnehmung von Homosexualität als unhintergehbare Wirklichkeit sind stärker als die rationalen Begründungen. Überhaupt ist die Wahrnehmung von Homosexualität bei Heterosexuellen unterschiedlich, je nachdem, ob es sich um die Wahrnehmung von Männern oder von Frauen handelt. Heterosexuelle Frauen scheinen, soweit ich das in kirchlichen Räumen wahrnehmen konnte, offener zu sein als Männer. Heterosexuelle Männer wiederum haben mehr Blockaden im Hinblick auf männliche Homosexualität als im Hinblick auf weibliche. Dies könnte auch mit einer Absperrung von unterschwelligen Partialtrieben zu tun haben. Sexuelles Begehren ist nicht von der Eindeutigkeit, wie wir sie uns als Ethiker wünschen würden. Diese Einsicht ist oft für manche Menschen in und außerhalb der Kirchen noch schwerer zu ertragen als die Anerkennung der Homosexualität als Selbsterfahrung und als Verhalten auf Augenhöhe. Diese Schwierigkeiten finden sich natürlich nicht nur in den Kirchen. Dort gibt es freilich noch weitere spezifische Schwierigkeiten.

Im evangelischen Kontext beruhen sie auf einem Bezug auf biblische Quellen (vor allem Röm. 1,26.27), im katholischen Kontext darüber hinaus auf einem bestimmten Verständnis des sogenannten Naturrechtes. In der evangelischen Kirche werden diese Schwierigkeiten nur teilweise gemindert, indem auf das individuelle Gewissen verwiesen wird. Das Gewissen wird in der evangelischen theologischen Ethik nicht nur fallweise im Sinne eines Urteiles an den Grenzen der Norm, sondern auch systematisch als letztgültiges Urteil in moralischen Fragen betrachtet. In der katholischen Kirche ist das Gewissen eher ein Grenzbegriff, wenn auch nach Newman und nach Josef Ratzinger, der ihn zitiert, erst ein Trinkspruch auf das Gewissen auszubringen sei, bevor ein Trinkspruch auf den Papst angemessen sei. Insofern gibt es hier durchaus eine ökumenische Brücke. Aber der Respekt vor der Intensität des persönlichen moralischen Urteils und damit die Unhintergehbarkeit des individuellen ist in der protestantischen Ethik von anderem systematischen Stellenwert (oft behindert er auch den Konsens in der Evangelischen Kirche.).

In der Katholischen Kirche verstärken sich die Schwierigkeiten, die auch dort von biblischen Referenzen ausgehen, indem, gerade aus römischer Perspektive, mit der Kontinuität einer lehramtlichen Tradition argumentiert wird. Im Folgenden will ich primär von den katholischen Problemen ausgehen, die mir vertrauter sind.

Dazu gehören auch einige Erfahrungen. Als ich in Würzburg Doktorand war (1963-1967) wurde zugleich auch Arbeit über Homosexualität und Ethik versucht, für die es dann erhebliche Schwierigkeiten gab, zu einer Konklusion zu kommen. Als ich in Fribourg in der Schweiz Professor für Moraltheologie war (1974-1981), betreute ich mit Unterstützung durch Professor Hermann Ringeling (Evangelische Fakultät, Universität Bern) eine katholisch-theologische Doktorarbeit zum Thema „Homosexualität, menschlich, kirchlich, moralisch“. Sie wurde darin in meiner Fakultät eingereicht und erhielt drei positive Gutachten. Dennoch ließ die Fakultät in einer Probeabstimmung erkennen, dass sie die Arbeit ablehnen würde. Manche hatten dabei wohl auch das Motiv, den Betreuer, also mich, nicht Problemen auszusetzen. Professor Ringeling übernahm dann federführend die Doktorarbeit für die Evangelische Fakultät in Bern, wo sie nach der Klärung einiger Studienvoraussetzungen angenommen wurde. Der „evangelische Doktor katholischer Konfession“ wurde dann vom katholischen Bischof von Basel als Krankenhausseelsorger eingestellt.

Diese Erzählung ließe sich mit anderen Geschichten, die, innerhalb oder außerhalb des wissenschaftlichen Raumes, nicht so gut ausgingen, ergänzen. Sittliche Reserven der Kirchen gegenüber der Homosexualität werden heute als diskriminierend empfunden, zumal wenn sie das Bekenntnis zur eigenen Homosexualität blockieren oder einschränken, wenn sie die Solidarität christlich homosexueller Gruppen behindern und wenn sie einen Unterschied zwischen der homosexuellen Selbsterfahrung und der Erlaubnis, diese Erfahrung in christlicher Verantwortung zu realisieren, machen.

Die Aids-Problematik hat die Schere zwischen Toleranz und Reserve in der Anerkennung auf Augenhöhe sicherlich verschärft. Ein prominenter katholischer Arzt formulierte 1987: „Unserem Kulturkreis wäre viel Kummer mit der Aids-Ausbreitung erspart geblieben, wenn man den Toleranzbegriff In Bezug auf abnormes Sexualverhalten nicht so gründlich missverstanden hätte und statt dessen schon bei der Sexualerziehung von Kindern ausgesprochen hätte, wie Sexualverhalten beschaffen sein sollte, das der psychophysischen Beschaffenheit des Menschen angepasst ist...: das Sexualobjekt ist eine gegengeschlechtliche Person, das Sexualziel ist eine Vereinigung entsprechend der körperlichen Beschaffenheit,..“ Die von der Evolution verursachte „körperliche Beschaffenheit“ schließe bestimmte Arten des Verkehrs als abnorm und pervers aus.
Mit einer solchen Argumentation sieht man die Richtigkeit menschlichen Verhaltens als objektiv vorherbestimmt und als abhängig von vorgegebenen körperlichen Hinweisen an. Dies wird auch von katholischen Ethikern kritisiert, die die Eindeutigkeit natürlicher Vorgaben bestreiten. Jede fixierende Bedeutung, die wir einer Handlung über die bloße Beschreibung hinaus geben, kann sich diskriminierend auswirken.

1975 wurde in einem Schreiben der römischen Glaubenskongregation („Persona Humana“) erstmals anerkannt, dass es eine homosexuelle Prägung gibt, die nicht erst erworben wird. Es erstaunt daher heute, inwiefern ein Pfarrer, der offensiv die Heilbarkeit der Homosexualität vertrat, 2009 zum Weihbischof der Diözese Linz in Österreich ernannt werden konnte und erst nach öffentlichen katholischen Protesten verzichtete. Bis 1975 wurden alle Menschen unhinterfragt in der Katholischen Kirche als heterosexuell betrachtet. Man sah hier eine Übereinstimmung von Bibel und Naturrecht. Beide, Bibel und ein mittelalterliches Naturrecht, etwa in der Fassung von Thomas von Aquin wussten jedoch nichts von einer genuinen Homosexualität. Homosexuelle Neigungen waren daher objektiv falsch. Auch die nachfolgenden pastoralen Dokumente des Vatikans halten daran fest, dass es eine homosexuelle Veranlagung gibt, die keine zurechenbare Schuld darstellt. Bereits 1986 wurde jedoch von unzulässigen Schlussfolgerungen gesprochen: Homosexualität ist nicht eine Variante in der gottgewollten Ordnung und die sexuelle Beziehung sei deshalb falsch, weil sie ein „Übel“ oder zumindest eine Unordnung in der Natur nicht nur erfahre, sondern auch vollziehe.

Die Hinordnung der Sexualität auf die Fruchtbarkeit wird, obwohl auch katholische Lehre, nicht so betont, weil die Katholische Kirche seit Humanae Vitae (1968) zwischen Zweck der geordneten Sexualität (Fruchtbarkeit) und ihrem Sinn (Liebe) unterscheidet, beides freilich nur in der sog. natürlichen Empfängnisregelung nicht für trennbar hält. Wissenschaftliche Erkenntnisse, die der Bibel ebensowenig zur Verfügung standen wie dem Naturrecht des Mittelalters, zeigen, dass wir bei Liebe und Begehren nicht mehr mit „gottgewollten“ Eindeutigkeiten rechnen können. Dies wird offensichtlich nur noch von Evangelikalen und von katholischen Fundamentalisten bestritten.

Man muss aber die Bibel und die Natur verantwortlich mit Hilfe unserer Erkenntnisgewinne auszulegen versuchen. Christliche Lebens- und Praxiserfahrung hat inzwischen die Einstellung zur Sexualität anders pointiert: Im Vordergrund steht der sexuelle Missbrauch von Abhängigen und der Kampf gegen Kinderpornographie. Bewusst in die eigene Verantwortung genommenes Sexualverhalten wird dagegen nicht vorrangig und primär pointiert auf moralische Bedenken hin wahrgenommen, ohne dass dabei die Wahrnehmung bedenkenlos wäre. Oft wird hingegen abgewogen, was das größere Übel ist und was an notwendigen menschlichen Rechten und Gütern blockiert wird. Daher wird ja inzwischen der Gebrauch des Kondoms bei Aidsgefahr auch von Stimmen in der katholischen Kirche nicht in jeder Hinsicht ausgeschlossen. Die Selbsterfahrung junger Menschen, Theologen und Theologinnen eingeschlossen, wirkt heute ehrlicher und aufgeschlossener. Fehler werden eingesehen, aber in Lernprozesse verwandelt. Das Bewusstsein, dass verallgemeinernde moralische Überlegungen ebensowenig wie eine Grammatik in der Sprache die gesamte Praxis umfassen können, hat zugenommen.

Homosexualität und Kirchen — Burgfrieden ohne Klärung?

„Burgfrieden“ ist für die Katholische Kirche ein Euphemismus, für die Evangelische Kirche erscheint in meinen Augen dieser Ausdruck als passender, aber er kennzeichnet auch dort eine Situation, die nicht zufrieden stellend ist. Ein naiver Biblizismus ist oft immer noch mit Aggressivität verbunden. Ein katholischer Fundamentalismus, für den nicht nur die Piusbruderschaft steht, tritt auch nicht leise und zurückhaltend auf. Die Glättung von Wellen an der Oberfläche bedeutet nicht die Beseitigung der Strudel in der Tiefe.

Die Frage, die viele eher nachdenkliche Menschen bewegt, bleibt jedoch: Kann man Homosexualität der Heterosexualität gleichstellen, oder gibt es nicht doch einen Unterschied? Die Antwort auf diese Frage scheint zunächst aus der Sicht der Anerkennung, die über die Toleranz hinaus geht, sehr einfach auszufallen: Die Gestalten der Sexualität sind allgemein in der Realität und in der menschlichen Individualität sehr viel verschiedener, als wir in unserem eigenen Paradigma und in unserem Lebens- und Liebesprojekt meist wahrnehmen und als wir in einer objektiven moralischen Orientierung festhalten können. Zudem: Lesbische und schwule Liebe weisen auch auf körperliche und seelische sowie in ihren Projekten bestehende Unterschiede hin. Die Zuerkennung der Menschenwürde kann jedoch nicht an solchen Unterschieden festgemacht werden. Beziehung ist ein Grundbedürfnis und ein Recht, das zumindest Pflichten der Nichtbehinderung und die Pflicht der Inklusion nach sich zieht.

Was aber soll nicht behindert und inkludiert werden? Das kann von außen nicht gesagt werden. Es ist von der Selbsterfahrung der Betroffenen abhängig, die sich mit Recht als Kirche fühlen. Mein Tübinger Vorgänger Wilhelm Korff hat die normative Kraft des Faktischen abgelehnt, aber die „normative Kraft praktisch gelebter Überzeugungen“ für eine wichtige Quelle der Moral gehalten. An diesen Erfahrungen und Überzeugungen dürfen die Lernprozesse der Gesellschaft und der Kirchen nicht vorbei gehen. Gerade deshalb ist es enorm wichtig, dass hier Vorreiterinnen für die Sichtbarkeit der Probleme und für mutige Lösungen gestritten haben und weiter streiten. In diesem Sinne gratuliere ich Frau Dr. Leistner zur Verleihung des Amospreises heute.
 

Preisverleihung

Preisverleihung Röhm - LeistnerSehr geehrte Frau Dr. Leistner,
die Urkunde über die Verleihung des AMOS-Preises lautet:

Die OFFENE KIRCHE - Evangelische Vereinigung in Württemberg - verleiht den AMOS-Preis 2009 für Zivilcourage in Religion, Kirche und Gesellschaft an Dr. Herta Leistner, Diplompädagogin, Studienleiterin i.R., Ütterroda (Thüringen). Die OFFENE KIRCHE würdigt damit ihre Verdienste um die Wahrnehmung und Interessenvertretung homosexueller Menschen in den Kirchen.
Stuttgart, Sonntag, 8. März 2009 –
Dr.Erhard Eppler, Schirmherr des AMOS-Preises –
Kathinka Kaden, Vorsitzende der OFFENEN KIRCHE und der Jury des AMOS-Preises

Ich füge hinzu, was Sie uns geschrieben haben:
„Den AMOS-Preis nehme ich gerne an, sehe es aber auch so, dass ich eine Symbolfigur bin in der Bewegung der lesbischen Frauen, da ich alleine diese Arbeit, die Netzwerke, die Politik ... nie hätte leisten können. Das ging nur, weil es viele um mich herum gab, die ebenfalls engagiert und mutig für sich selbst und für andere eingetreten sind. Und für mich sind auch sie mit dieser Preisverleihung geehrt.“

Ich verleihe Ihnen hiermit im Namen der Offenen Kirche den AMOS-Preis 2009 und überreiche Ihnen die Urkunde und das mit dem AMOS-Preis verbundene Preisgeld von 5.000 Euro.
 

Dr. Herta Leistner  - Wort der Preisträgerin

Sehr geehrter Herr Mieth, sehr verehrter Herr Eppler,
liebe Menschen der Offenen Kirche, liebe Freundinnen und Freunde, sehr verehrte  Anwesende,

Dr. Herta LeistnerFünfzehn Jahre fern der schwäbischen Heimat und dann plötzlich ein Anruf aus Stuttgart mit der Aussage, dass ich den Preis der Offenen Kirche in Württemberg für Zivilcourage erhalten solle, das war überraschend. Sie setzen damit ein Zeichen, dass das Thema und die Menschen, die sich engagieren, nicht vergessen sind. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ihnen und nehme den Preis gerne an – nicht nur für mich persönlich, sondern sozusagen als Symbolfigur für alle, die mit mir für die Würde und die Anerkennung der Gottesebenbildlichkeit von lesbischen Frauen und schwulen Männern gekämpft haben und noch kämpfen. Die Verleihung des Preises  löste in mir allerhand Empfindungen aus.

Zum einen
Freude, dass eine Gruppierung der Landeskirche so öffentlich sagt, unser Engagement für lesbische Frauen und die Auseinandersetzungen um Homosexualität sind wichtige Aktionen in Kirche und Gesellschaft. Dankbarkeit für die Jahre, in denen ich – vor allem in Bad Boll – zusammen mit vielen daran arbeiten konnte, was lesbisches Leben uns selbst bedeutet und wie wir uns nach außen darstellen und unsere Rechte einfordern. Dass die Evangelische Akademie Bad Boll ein fester Ort und eine Art Heimat für Lesben in der Kirche wurde, verdanken wir u.a. den Direktoren, allen voran Christoph Bausch und Manfred Fischer, die  den Mut hatten, die kirchlichen Auseinandersetzungen auf sich zu nehmen. Und wir verdanken es der Offenen Kirche, die von Anfang an versuchte, die Akademie zu stützen und für sie in der Synode einzutreten. Getragen fühlte ich mich in unserer Arbeit von der Gemeinschaft der Frauen, die sich in der kirchlichen Frauenbewegung engagierte, der Ev. Frauenarbeit, dem Gleichstellungsreferat und vielen anderen.

Zum anderen
rief die Nachricht aber auch wieder alle Kämpfe, Diffamierungen und Verletzungen ins Gedächtnis – Mein Bild in der Stuttgarter Zeitung, darunter die Artikelüberschrift etwa so: „Die Sünde hält Einzug in die Kirche“ ...

Seit wir den Entschluss fassten, lesbische Frauen in der Kirche zusammenzurufen und etwas an unserer Situation zu ändern, sind nun 25 Jahre vergangen.

Was hat sich getan, was nicht?
Eine kleine Begebenheit aus unserem 270 Einwohner zählenden Dorf mit 120 Kirchenmitgliedern nahe der Lutherstadt Eisenach im Juni 2007:
Vor einer dreiviertel Stunde hatten die Glocken geläutet. Jetzt haben sich Menschen aus dem Dorf neugierig auf der Straße vor der Kirche versammelt. Ich stehe mit unserem Freund aus dem Dorf und seiner geschmückten Pferdekutsche vor der Kirche. Die Tore gehen auf, Orgelmusik ist zu hören. Heraus kommt das „Brautpaar“, das wir mit der Kutsche in den Nachbarort fahren sollen – weißes Brautkleid, schwarzer Smoking. Es sind zwei Frauen um die fünfzig, die eine davon kirchliche Mitarbeiterin ...
Hätte sich das in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts jemand vorstellen können, dass dies in der Kirche möglich wäre??? Vielleicht in Wunschträumen, aber nicht in der Realität. – Die Realität für Lesben sah damals in den Kirchen sehr anders aus.

Es ist keine Frage, seit dem Beginn unserer Arbeit hat sich vieles in Kirche und Gesellschaft verändert. Lesbische Frauen sind sichtbar geworden, haben sich organisiert und reden mit. Alle evangelischen Landeskirchen mussten sich mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzen und versuchen, Stellung zu beziehen. Lesben und Schwule sind in vielen Landeskirchen als Ehrenamtliche aktiv, als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, als Pfarrer und Pfarrerinnen, auch in höheren Hierarchieämtern.
Der Staat zog vor einigen Jahren vor und legalisierte lesbische und schwule Partnerschaften und gab damit u.a. rechtlichen Schutz. Die Kirchen fordert das heraus zu überlegen, wie sie dieser Tatsache in ihrem Bereich gerecht werden – in den Anstellungen wie im gottesdienstlichen Raum.

Aber ist es heute so eitel Sonnenschein in den Kirchen, wie meine Skizzierung anzudeuten scheint?
Auch in Thüringen gab es schon vor der Sonne Donnergrollen und nach der Sonne Gewitter. Eine Partnerschaftssegnung, und das war es, die sich so am Bild von Hochzeit ausrichtet, brachte heftige Diskussionen. Der zuständige Oberkirchenrat  machte dem Gemeindekirchenrat deutlich, dass es nur die Partnerschaftssegnung gibt, laut seiner Aussage wurde der in der Landeskirche mit solchen Aufgaben betrauten Pfarrerin der Auftrag entzogen, da sie nicht klar genug unterschieden hätte. Doch ansonsten blieb es ruhig. Die kirchliche Mitarbeiterin, für die die Segnung eine Hochzeit war, bekam keine Probleme.
Es herrscht zur Zeit oberflächlich gesehen „Ruhe“ bei dem Thema. Die Kirchen äußern sich nicht; große kämpferische Aktionen von Lesben und Schwulen in den verschiedenen Landeskirchen sind nicht zu sehen. Die Landeskirchen sind froh, wenn die Thematik nicht im Streit angefasst wird. Und vielleicht sind viele von uns Lesben und Schwulen verständlicherweise auch der Auseinandersetzungen und Verletzungen müde und können mit dem bisher Erreichten besser leben.

Ich bin der Meinung, dass eigentlich fast alles gesagt ist. Wir haben theologische, menschenrechtliche, humanwissenschaftliche, auch juristische Diskussionen geführt – untereinander und in Gesprächen mit kirchlichen Gremien und Mitchristen. Entscheidungen könnten getroffen werden. Doch deutlich ist, in der Evangelischen Kirche gibt es keine einheitlichen Lösungen den immer noch offenen Fragen.
In den Landeskirchen werden die Fragen eigenständig liegen gelassen, bearbeitet oder entschieden. Überall sind Lesben und Schwule vorhanden und arbeiten mit – ohne Probleme, kritisch beäugt, geduldet oder auch behindert und diskriminiert. Aber meist ist in der Kirchengesetzgebung keine Grundlage eingearbeitet, die lesbischen und schwulen Kirchenmitgliedern ihre gleichwertigen Rechte garantiert.

  • Homosexualität ist längst noch nicht gleichwertig zu Heterosexualität. Der Begriff Sünde ist für viele noch fest damit verbunden.
  • Gelebte Partnerschaft von Pfarrerinnen oder Pfarrern im Pfarrhaus ist nur in wenigen Landeskirchen offiziell möglich – in manchen dann, wenn nicht darüber geredet wird.
  • Die Segnung homosexueller Paare wird nicht gleichgestellt mit der Hochzeit heterosexueller Paare. Auch Partnerschaftssegnung wird in den Landeskirchen unterschiedlich gehandhabt:
  • Es gibt keine - wie z.B. auch in Württemberg;
  • sie gehört in die Reihe ihrer gottesdienstlichen Handlungen;
  • Partnerschaftssegnung ist möglich, aber sozusagen im „Verborgenen“, im Seelsorgerlichen, nicht in einem öffentlichen Gottesdienst.
  • Im Segnungsbeispiel in unserem Dorf erklärte ich im Vorfeld unserem Kutscherfreund vorsichtig, um wen es bei der Kutschfahrt gehen wird. Er unterbrach mich und sagte, er könne überhaupt nicht verstehen, dass Kirche damit ein Problem habe, wenn zwei Menschen sich lieben und miteinander leben wollen und dafür Gottes Segen möchten, da könne Kirche sich doch nur freuen.
  • In der Diskussion in der Kirchspielsitzung der Gemeindekirchenräte nach dieser Segnung sagte ein sehr in seiner Gemeinde engagierter Lehrer mit vollem Ernst und Eifer, wenn es dazu käme, dass Gleichgeschlechtliche in der Kirche heiraten dürfen, werde er austreten.
  • Die Rechte, die der Staat gibt, werden mühsam oder nicht in die Arbeitsverhältnisse übertragen. Eine rühmliche Ausnahme hat vor kurzem die Rheinländische Kirche gemacht:

„Pfarrerinnen und Pfarrern sowie Kirchenbeamtinnen und Kirchenbeamte in eingetragenen Lebenspartnerschaften werden im Besoldungs- und Versorgungsrecht der Evangelischen Kirche im Rheinland dieselben Rechte zugestanden wie Ehepaaren, Witwen und Witwern. Kirchenbedienstete in eingetragenen Lebenspartnerschaften haben damit dieselben Ansprüche auf Ortszuschlag und Hinterbliebenenrenten wie Ehepaare.“ (Synodenbeschluss 2009)
Es ließe sich noch vieles anführen. Wenn ich – vielleicht aus meiner Ungeduld heraus – urteile, sage ich:
Es wird immer noch zu Lasten von Menschen und ihrer Würde Kirchenpolitik betrieben. Die Furcht vor Spaltungen ist größer als der Mut, sich zu Gottes Schöpfung zu bekennen. Auch Homosexuelle sind Gottes Geschöpfe.
Da setzt selbst der neue US-Präsident andere Zeichen, in dem er einen homosexuellen Bischof als geistlichen Berater nimmt!
Es geht nicht nur um die Institution Kirche, sondern um uns Mitglieder in dieser Gemeinschaft und unseren Umgang miteinander. Was mich da sehr belastet, ist die latente Gewaltbereitschaft bei manchen „frommen“ Christen. Wenn die Institution keine klare Stellung einnimmt, fördert sie solche Einstellungen.
Ich erinnere mich daran, wie Ende der 80ziger Jahre eine Synodalin der Offenen Kirche uns berichtete, dass ein evangelikaler Synodaler angesichts eines Aushangs zur Lesbentagung in Bad Boll in der Synode zu ihr sagte: „Da gehört doch mit Eisenbahnschienen dreingeschlagen, und dafür gibt unsere Kirche Geld aus“.

Prof. Mieth, Dr. Eppler, Helber Füllkrug-Weitzel und Dr. Herta Leistner.1994 predigte der Pfarrer in einem Buß- und Betgottesdienst Evangelikaler Gruppierungen anlässlich der Eröffnung des Frauenstudien- und -Bildungszentrums der EKD und meiner Ernennung zu einer der Studienleiterinnen in Auszügen folgendes: „Brüder und Schwestern, lasst uns Buße tun und auf Gottes Wort hören und gehorchen. ... Lasst uns Gottes Wort todernst nehmen, auf es hören und gehorchen. So hören wir: ... (es kommen zwei neutestamentliche Bibelzitate).
Hören wir auch auf den Ruf Gottes an Mose ... Wenn einer bei einem Manne liegt, wie man bei einer Frau liegt, so haben beide einen Gräuel verübt. Sie sollen getötet werden ...“
Und in den Jahren nach 1996 war der Höhepunkt an anonymen Droh- und Beleidigungsschreiben, die wir Studienleiterinnen, die die lesbischen Tagungen organisierten, erhielten.
Das liegt einige Jahre zurück und gehört zu meinen „bitteren Erinnerungen“, es wäre schön, wenn es sich geändert hätte.

Liebe Mitglieder der Offenen Kirche, Sie haben uns – über meine Person – für unseren Mut geehrt. Sie haben uns in das Umfeld des sozialkritischen und gottesfürchtigen Propheten Amos eingeladen. Er ist einer, der den Finger auf die Wunden legt und leidenschaftlich dafür wirbt, dass das Recht ströme und wir Gott suchen. Diese Einladung ist eine Herausforderung, nicht müde zu werden.
Ich/Wir danken für die Ehrung und möchten Sie und alle bitten, weiterhin gemeinsam mit uns auf dem Weg zu sein und in guter, aber klarer Weise, das Recht einzufordern, dass Lesben und Schwule mit allen Konsequenzen vollwertige Glieder der Christengemeinschaft sind.
 

Schlusswort - Dr. Erhard Eppler, Schirmherr des AMOS-Preises

Fritz Röhm:

Sehr geehrter Herr Dr. Eppler, Sie haben in der Pressekonferenz vor der ersten Preisverleihung den Namen AMOS-Preis so charakterisiert: „Es ist immer etwas Prophetisches, wenn man aus dem Glauben heraus sagt: Es muss etwas passieren, egal was einem passiert.“
Daran erinnere ich gerne heute, weil das auf unsere Preisträgerin Frau Dr. Leistner voll zutrifft.

Dr. Eppler:

Während der längsten Zeit meines nicht ganz kurzen Lebens war Homosexualität strafbar. Die Betroffenen wurden nach dem einschlägigen Paragrafen benannt. In der großdeutschen Wehrmacht, der auch ich noch angehörte, gab es den Ausdruck „die 175er“. 175er zu sein, war damals lebensgefährlich. Es konnte KZ bedeuten. Es wären noch viel mehr ins KZ gekommen, wenn es nicht damals eine Art von Kameradschaft gegeben hätte, fast niemand war bereit, einen Homosexuellen zu denunzieren.

Es war der Christ Gustav Heinemann, der als Justizminister in der ersten großen Koalition 20 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland gegen diesen Paragrafen anging. Und es dauerte bis 1973, bis der § 175 fiel. Heinemann argumentierte juristisch: „Das geht den Staat nichts an.“ Erst nachdem der § 175 gefallen war, wurde eine ethische und theologische Diskussion möglich. Heute ist gesagt worden, dass diese Diskussion noch nicht zu Ende sei und das sei unbefriedigend.

Das gilt besonders für unsere Landeskirche. Das Thema Homosexualität ist verbunden mit theologischen Frage, die eben auch unerledigt ist: Gibt es eine christliche Kernbotschaft, von der aus wir Stellen im Alten und Neuen Testament bewerten und auch für unerheblich halten können? Auch die Paulusstelle zur Homosexualität im Römerbrief? Wie wörtlich müssen wir die Bibel nehmen?

Ich glaube übrigens nicht, dass die Kernbotschaft der Schöpfungsmythos ist, wonach der Mensch nach Gottes Bild geschaffen sei. Dieser Mythos wird heute für alles mögliche, auch politisch, missbraucht. Darauf kann sich auch ein Massenmörder berufen. Ich denke, dass es ein vorchristlicher Mythos und kein spezifisch christlicher ist. Dessen zweiter Teil, der Sündenfall, wird meist unterschlagen.

Für mich ist die Kernbotschaft die Bruderschaft und Geschwisterlichkeit Jesu mit den Menschen, wie sie nun einmal sind oder waren, die neugierig oder auch genügsam, umtriebig oder auch träge, aber verletzlich, ungeborgen, ängstlich, hilflos, auf andere angewiesen, des Trostes und der Liebe bedürftig sind. Ich glaube, so hat Jesus die Menschen gesehen und getröstet, zum Beispiel als die Ehebrecherin gesteinigt werden sollte. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ Jesus hatte es mit Menschen zu tun, von denen er glaubte, dass sie in ihrer Unvollkommenheit geliebte - auch von ihm geliebte - Geschöpfe sind. Ihm ging es nicht darum, welchen Weg diese Liebe zu nehmen hätte.

So sind wir, alle, auch die, von denen Frau Leistner gesprochen hat. Aber auch die, die ihr das Leben schwer gemacht haben. Prof. Mieth hat seinen Vorgänger Wilhelm Korff zitiert, der über die normative Kraft der gelebten Überzeugungen gesprochen hat. Heute feiern wir, dass die gelebten Überzeugungen von Herta Leistner eine normative Kraft hatten und weiterhin haben werden. Das soll dieser Preis bezeugen.

Musik: three times a lady, Stuttgart

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AMOS-Preis 2007:

AMOS-Preis für Zivilcourage in Kirche und Gesellschaft
4. Verleihung am Sonntag Reminiscere, 4. März 2007, 12 Uhr, Erlöserkirche Stuttgart

Begrüßung: Kathinka Kaden
Vorsitzende der OFFENEN KIRCHE und der Jury des AMOS-Preises

Bild von Major Pfaff Sehr geehrter Herr Pfaff,
sehr geehrter Laudator, Herr Zumach,
sehr geehrter Schirmherr des AMOS-Preises, Herr Dr. Eppler,
sehr geehrte Herr Landtagsvizepräsident Drexler,
Frau Bürgermeisterin Müller-Trimbusch,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Medien,
liebe Gäste, Mitglieder, Freundinnen und Freunde der OFFENEN KIRCHE,

ich freue mich, Sie zur 4. Verleihung des AMOS-Preises der OFFENEN KIRCHE in der Erlöserkirche in Stuttgart begrüßen zu können.

Der AMOS-Preis wird heute an einen Soldaten verliehen - an Sie, Major Florian Pfaff - und zwar zum ersten Mal komplett. Zum ersten Mal wird die Preissumme von 5000 Euro nicht geteilt. Was die Jury im November dazu bewogen hat, so zu entscheiden, wird mit Sicherheit aus der Laudatio und den weiteren Beiträgen hervorgehen.

Soviel sei bereits gesagt: ein mutiges Eintreten gegen jeden Angriffskrieg ist und bleibt vorbildhaft, gerade in diesen Tagen, in denen sogar ein Atomkrieg nicht außerhalb der Denkmöglichkeiten liegt und in denen es wohl Zeit ist, Ross und Reiter zu nennen und sich gegen die entsprechenden Pläne nicht nur im Iran, sondern auch in den USA zu stellen. Wahrscheinlich müssen wir uns da noch weiter emanzipieren, und sogar die Einheitlichkeit in der NATO in Frage stellen.

Beruhigend also, dass es Menschen wie Sie gibt, mit soviel Gewissenhaftigkeit, mit soviel Courage, mit soviel Engagement für das Recht, die Mitwirkung an einem Angriffskrieg zu verweigern. Das ist ein gutes Zeichen für den Zustand unserer Demokratie, meine ich, ein sicheres Merkmal für die Bindekraft unseres Grundgesetzes.

Das beruhigt auch uns in der OFFENEN KIRCHE, die wir Kirchenpolitik in der Demokratie betreiben und uns manches Mal mehr Demokratie – ich glaube: vor allem oft einen rationaleren Diskurs - in der Kirche wünschen. Denn wir sind uns bewusst, dass Menschen auch und vielleicht gerade in Glaubensangelegenheiten irregeführt werden können, dass sie verführbar sind, dass die innere Stimme des Gewissens verstummen kann und Recht zu Unrecht werden kann. Davor ist kein Bereich in einer Gesellschaft gefeit, auch der kirchliche nicht.

Die Fähigkeit, nicht nur anderen, sondern auch sich selbst gegenüber kritisch zu sein, versuchen wir in der Kirche zu stärken. Die OK versucht daher seit über dreißig Jahren in der Evangelischen Kirche in Württemberg deutlich machen: Gewaltenteilung ist nichts Schlimmes, die Kirchenordnung kann noch verbessert werden, Konfliktfähigkeit und Streitkultur entsprechen dem Geist Jesu Christi, die Gemeinden in der Landeskirche benötigen möglichst viele Mitglieder, die sich daher für eine aufgeklärte Theologie und einen toleranten, offenen Pietismus einsetzen. Dies zu sagen und hinzuweisen auf das weite Spektrum des Glaubens, auf die Möglichkeit unterschiedlicher Frömmigkeitsstile und auf bedeutende Unterschiede in der Theologie gerade auch im kirchlichen Bereich, ist heute dringend notwendig angesichts des weit verbreiteten Neo - Evangelikalismus und des Fundamentalismus im Christentum, um das deutlich im württembergischen Kirchenwahljahr 2007 zu sagen.
Der Prophet AMOS hat sich in seiner Zeit gegen Kriegsverbrechen, gegen religiöse und soziale Verbrechen gewehrt und eindringlich zu einer Verhaltensänderung aufgerufen. Dabei hat er den Konflikt mit den damaligen politischen und religiösen Machthabern nicht gescheut. Kathinka Kaden bei der Rede Ich zitiere:

„So spricht der Herr: Ich will sie nicht schonen, weil sie die Unschuldigen für Geld und die Armen für ein paar Schuhe verkaufen. Sie treten den Kopf der Armen in den Staub und drängen die Elenden vom Wege. Sohn und Vater gehen zu demselben Mädchen, um meinen heiligen Namen zu entheiligen. Und bei allen Altären schlemmen sie auf den gepfändeten Kleidern und trinken Wein vom Gelde der Bestraften im Hause ihres Gottes“ (Amos 2,6-8)

Oder: „Ihr fetten Kühe, die ihr auf dem Berge Samarias seid und den Geringen Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringt her, lasst uns saufen! Gott hat geschworen bei seiner Heiligkeit: Siehe, es kommt die Zeit über euch, dass man euch herausziehen wird mit Angeln und, was von euch übrig bleibt, mit Fischhaken. Und ihr werdet zu den Mauerlücken hinaus müssen, eine jede vor sich hin, und zum Hermon weggeschleppt werden, spricht der Herr.“ (Amos 4,1-3).

Oder: „Ihr wandelt das Recht in Gift und die Frucht der Gerechtigkeit in Wermut“ (Amos 6, 12)

Amos findet kräftige, scharfe, lebendige Worte, und noch mehr: Er scheut nicht davor zurück, Gott als kriegerisch und gewalttätig zu beschreiben, um der prophetischen Botschaft Gehör zu verschaffen. Sprachmächtig erfüllt er seinen Auftrag, die Reichen und Mächtigen mit ihrer Habgier und ihrem Machthunger zu konfrontieren und für die Armen und Benachteiligten das Wort zu ergreifen.

Der Missverständlichkeit solcher Worte muss ins Auge gesehen werden. Genauso aber geht es darum, ihre Tiefe zu erfassen. Was macht sie so wirkmächtig? Um nur kurz anzudeuten, was sich unter psychologischen Gesichtspunkten dazu sagen ließe: Dem eigenen Ärger, seiner Wut so Ausdruck geben zu können, Luft machen zu können, das tut gut. Solche Worte schaffen Bahnen und Kanäle, durch die sich löst und befreit, was angestaut ist an Ärger, Enttäuschung, Verzweiflung und Angst. Wie dürftig ist dagegen der Versuch, dasselbe mit Waffen probieren zu wollen.

In den Hinsichten,
- mit Ärger und Aggression angemessen umzugehen,
- konfliktfähig zu werden,
- Angst vor Widerspruch zu verlieren,
- Ungerechtigkeit deutlich zu benennen,
- und das alles, ohne sich selbst in Mord und Totschlag zu verstricken,

dazu können wir von dem wortgewaltigen Propheten und der Geschichte, wie seine Worte verstanden worden sind, viel lernen. Wir stellen uns daher bewusst in die Tradition des AMOS, auch heute und hier wieder mit dieser Preisverleihung.

Laudatio: Andreas Zumach

Diplomatischer Korrespondent der taz und anderer Medien bei der UNO in Genf

Sehr geehrter Preisträger Florian Pfaff, sehr geehrte Anwesende,
liebe Schwestern und Brüder.

Ich freue mich sehr, heute hier so viele Menschen zu sehen, die ich zum Teil bereits seit fast 30 Jahren kenne aus der Friedensarbeit innerhalb und außerhalb der Evangelischen Kirche. Einige sind dabei, die auch am 10. Oktober 1981 bei der großen Friedenskundgebung auf der Bonner Hofgartenwiese waren, wo wir gemeinsam gegen „Geist, Logik und Politik“ der atomaren Abschreckung demonstriert haben. Und ich freue mich ganz besonders, dass der wichtigste Redner jener Bonner Kundgebung – wichtig sowohl mit Blick auf die innerkirchliche Friedensdebatte wie mit Blick auf die damalige Diskussion im politischen Raum – heute anwesend ist – Erhard Eppler, der Schirmherr des Amos-Preises. Erhard Eppler hat innerhalb der damals regierenden SPD zunächst aus einer Minderheitenposition heraus den Widerspruch zum NATO-Doppelbeschluss und zur Nachrüstung mit Atomraketen formuliert und angeführt, und er war in dieser Frage der wichtigste Kontrahent zu Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Andreas Zumach begrüßt Erhard Eppler Erhard Eppler hat sehr wichtige Spuren gelegt für das Engagement von Christinnen und Christen für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Ich erinnere unter anderem an sein Buch „Wege aus der Gefahr“ und seine Unterscheidung zwischen „qualitativem und quantitativem Wachstum – die im Rückblick geradezu revolutionär erscheint.

Weil Sie heute alle hier sind, möchte ich gerne etwas in eigener Sache sagen – oder besser: in unserer eigenen Sache, wenn Sie mir diese Vereinnahmung gestatten, bevor ich zum eigentlichen Anlass dieses Tages und zum Preisträger komme.
Erhard Eppler ist vor einigen Monaten 80 Jahre alt geworden, wozu ich ihm von hier aus herzlich gratuliere. Bei einer öffentlichen Veranstaltung zu Eepplers 80. Geburtstag am 31. Januar in Berlin hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, die Laudatio gehalten. Huber hat es für richtig und notwendig gehalten, sich ausgerechnet bei dieser Geburtstagsfeier für Erhard Eppler öffentlich von seiner früheren Kritik am NATO-Doppelbechluss und der atomaren Nachrüstung der 80er Jahre zu distanzieren. Bischof Huber hat dies getan, indem er in seiner Laudatio aus einem Brief zitiert hat, den er Anfang 2004 – nur wenige Monate nach seiner Wahl zum EKD-Ratsvorsitzenden im November 2003 – an Altbundeskanzler Helmut Schmidt zu dessen 85 Geburtstag geschrieben hatte. Ich zitiere die entsprechende Passsage aus Hubers Laudatio auf Eppler vom 31. Januar:

„Dass Erhard Eppler in den frühen achtziger Jahren die Kritik am Doppelbeschluss der NATO anführte, ist ebenso wenig zu leugnen wie die Tatsache, dass dieser Doppelbeschluss im Rückblick für die Vorbereitung der europäischen Wende sein Gutes hatte. Ich selbst habe das aus Anlass des 85. Geburtstags von Helmut Schmidt in einem Brief an ihn – leicht fiel mir das nicht – folgendermaßen formuliert: Als Sie Ende der Siebzigerjahre den NATO-Doppelbeschluss anregten, gehörte ich selber zu denen, die meinten, der Sicherheit der Bundesrepublik und Europas und dem Weltfrieden sei besser durch einen Verzicht auf die Nachrüstung mit Mittelstreckenraketen gedient. Im Rückblick kann man nicht verkennen, welchen Beitrag der NATO-Doppelbeschluss zur Entwicklung der Achtzigerjahre geleistet hat, an deren Ende die Teilung Deutschlands und Europas überwunden werden konnte.

Im Rückblick urteilen wir über die Geschichte anders, als wir sie im Vorblick antizipieren. Darüber, wie die Entwicklung ohne den NATO-Doppelbeschluss verlaufen wäre, wissen wir nichts. Dass er daran mitgewirkt hat, in Europa einen Frieden in Freiheit zu sichern, wussten nicht einmal die, die sich so vehement für ihn einsetzten. Die einen wie die anderen haben zu Selbstgerechtigkeit keinen Grund. Dass es anders kam, als wir damals dachten, gehört zu den größten Glücksmomenten unseres Lebens.“ Ich hoffe sehr, dass diese Einschätzung des Ratsvorsitzenden der EKD nicht das letzte Wort in dieser Sache ist, und dass Bischof Huber aus unserer Kirche kräftigen Widerspruch erfährt – auch mit Hinblick auf die neue Friedensdenkschrift der EKD, die derzeit erarbeitet wird.

Und nun komme ich zum Anlass der heutigen Veranstaltung:
Es ist mir eine große Freude, heute hier die Laudatio auf Major Florian Pfaff, den diesjährigen Träger des Amos-Preises halten zu dürfen. Und ich bedanke mich bei den Trägerinnen und Trägern dieses Preises, für die ehrenvolle Aufgabe, diese Laudatio zu halten.

Aber eigentlich sollte diese Veranstaltung überflüssig sein. Denn was hat der Preisträger überhaupt Preiswürdiges getan? Major Pfaff, seit über 30 Jahren „Staatsbürger in Uniform“ in einer parlamentarischen Demokratie, hat eine Gewissensentscheidung getroffen, eine „an den Kategorien von `Gut und Böse` orientierte Gewissensentscheidung “, wie es im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 21. Juni 2005 heißt. Major Pfaff hat sich an das durch die UNO-Charta definierte Völkerrecht gehalten, an die deutsche Verfassung und an das Soldatengesetz; Major Pfaff hat die ausdrückliche, aber skandalös rechtswidrige Aufforderung seiner militärischen Vorgesetzten, sich an dem völkerrechtlichen Verbrechen des Irak-Krieges von 2003 zu beteiligen, nicht befolgt. Eigentlich ist das Verhalten von Florian Pfaff eine Selbstverständlichkeit; eine Selbstverständlichkeit, die die Regel sein sollte unter den 240 000 deutschen Staatsbürgern in Uniform eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich keiner besonderen Erwähnung bedürfte, geschweige denn eines Preises.

Doch leider ist das Verhalten von Pfaff eine Ausnahme, eine allzu seltene Ausnahme in der heutigen Bundeswehr. Als Soldat nicht gegen das Völkerrecht, die deutsche Verfassung und das Soldatengesetz zu verstoßen, erfordert heutzutage besonderen Mut und Beharrlichkeit. Ich bin daher sehr froh darüber, dass die Offene Kirche Württemberg Major Pfaff für seine Zivilcourage heute mit dem Amos-Preis auszeichnet, und dass er im Dezember letzten Jahres bereits die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga der Menschenrechte erhalten hat. Diese beiden Auszeichungen sind hoffentlich ein kleiner Ausgleich für die Schikanen und die Diskriminierung, denen der Preisträger weiterhin ausgesetzt ist - trotz und über anderthalb Jahre nach dem Urteil, mit dem ihm das Bundesverwaltungsgericht in sämtlichen Streitpunkten mit seinen militärischen Vorgesetzen vollumfänglich Recht gegeben hat. Dieses Urteil ist über den konkreten Streitfall Pfaff hinaus von epochaler Bedeutung.

Andreas Zumach bei der Rede Denn:

  1. Das Urteil beschränkt die Zulässigkeit für den Auslandseinsatz der Bundeswehr und für militärische Gewaltanwendung strikt und eindeutig auf die beiden in der UNO-Charta vorgesehenen Fälle: Erstens die individuelle oder kollektive Selbstverteidigung nach Artikel 51 der Charta. Und zweitens die vom UNO-Sicherheitsrat ausdrücklich mandatierte Anwendung militärischer Mittel bei einem „Bruch oder bei der Bedrohung des Friedens und der internationalen Sicherheit“ gemäß Kapitel 7 der Charta. Wörtlich heißt es in dem Urteil:

    „Ein Staat,der sich – aus welchen Gründen auch immer – ohne einen solchen Rechtfertigungsgrund über das völkerrechtliche Gewaltverbot der UN-Charta hinwegsetzt und zur militärischen Gewalt greift, handelt völkerrechtswidrig. Er begeht eine militärische Aggression.“ Damit ist der anglo-amerikansiche Irakkrieg von 2003 eindeutig als völkerrechtwidriger Angriffskrieg klassifiziert.

  2. Mit Blick auf die umfangreichen Unterstützungsleistungen der Bundesrepublik Deutschland für diesen völkerrechtswidrigen Irakkrieg – unter anderem in Form von Überflug- und Nutzungsrechten oder der Bewachung amerikanischer Kasernen - heißt es in dem Urteil unmissverständlich „Eine Beihilfe zu einem völkerrechtlichen Delikt ist selbst ein völkerrechtliches Delikt.“ Die Rot-Grüne Bundesregierung hatte seinerzeit trotz all ihrer verbalen Kritik an dem Irakkrieg sämtliche Wünsche der Bush-Administration zur Beihilfe für diesen Krieg erfüllt. Rot-Grüne Politiker – darunter gestandene Juristen, wie der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz - rechtfertigten diese Beihilfe zum Krieg damals mit der Behauptung, bilaterale Abkommmen mit den USA sowie das NATO-Truppenstatut ließen eine Verweigerung dieser Behilfe zum Irakkrieg rechtlich nicht zu. Diese Zwecklüge wiesen die Bundesverwaltungsrichter eindeutig zurück mit dem klaren Hinweis, dass die Beachtung des Völkerrechts und der deutschen Verfassung im Zweifelsfall immer Vorrang haben vor der Erfüllung bilateraler oder multilateraler Abkommen mit anderen Staaten.

  3. Mit dem höchstrichterlichen Urteil wurde der Ermessensspielraum für Soldaten erheblich erweitert. Wenn ein Soldat auch nur Zweifel an der Rechtmäßigkeit einer militärischen Intervention hat, und wenn er in einem solchen Fall glaubwürdig einen Gewissenskonflikt darlegen kann, muss er Befehlen nicht gehorchen, durch deren Ausführung er diese militärische Intervention unterstützen würde.

Dieses epochale Urteil eines höchsten Gerichtes der Bundesrepublik Deutschland gehörte eigentlich als Pflichtstoff in die Grundausbildung eines jeden deutschen Soldaten. Stattdessen wird der Leipziger Richterspruch bis heute von der militärischen Führung und vom Verteidigungsministerium gegenüber den Soldaten unterschlagen.“ In der gesamten Bundeswehr herrscht hinsichtlich der Causa Pfaff ein geradezu ohrenbetäubendes Schweigen“, berichtete Jürgen Rose, selber Oberstleutnat der Bundeswehr, in seiner Laudatio auf Major Pfaff bei der Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille im letzten Dezember.

Totschweigen, Aussitzen und den Soldaten Pfaff selbst mundtot machen, laute die Devise in der Bundeswehr. Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts stünde Major Pfaff eigentlich eine Kompensation zu für die rechtswidrigen disziplinarischen Maßnahmen, die seine Vorgesetzten nach seiner Dienstverweigerung während des Irakkrieges im Jahr 2003 gegen ihn ergriffen hatten. Doch stattdessen wird Major Pfaff die von ihm beantragte sogenannte „laufbahnrechtliche Schadlosstellung“ mit der absurden Begründung verweigert, er selbst hätte ja den Anlass gegeben für die Ermittlungs- und Gerichtsverfahren. Tatsächlich liegt der Ursprung für die juristischen Auseinandersetzungen zunächst vor dem Truppendienstgericht Nord in Münster und dann vor dem Bundesverwaltungsgericht in den kriminellen Unterstützungshandlungen der damaligen Rot-Grünen Regierung und der Bundeswehrführung für den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak.

Skandalös sind auch die Begründungen, mit denen das Personalamt der Bundeswehr Major Pfaff die ihm längst zustehende Beförderung verweigert. Es bestünden „begründete Zweifel an Pfaffs uneingeschränkter persönlicher Eignung und Befähigung“, einem höheren Dienstgrad gerecht zu werden. Und zweitens sei Major Pfaff aus den vom Bundesverwaltungsgericht anerkannten Gewissensgründen, mit denen er eine Unterstützung des völkerrechtswidrigen Irakkriegs verweigert hatte, nur „eingeschränkt verwendungsfähig“. Im Klartext heißt das: Wer als Soldat seinem Gewissen folgt und sich an Völkerecht, Verfassung und das Soldatengesetz hält, ist in der Bundeswehr fehl am Platz. Gefragt ist Kadavergehorsam.

Dieses Verhalten der militärischen Führung, die vom Verteidigungsministerium abgesegnet wurde und politisch zu verantworten ist, spricht all öffentlichen Äußerungen Hohn, mit denen etwa der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhahn, das Prinzip der „Inneren Führung“ betont und behauptet, er wünsche sich den mündigen „Staatsbürger in Uniform“. Major Pfaff hingegen hat diese Prinzipien ernst genommen und hat mit seiner Zivilcourage auch zur Stärkung unserer Demokratie beigetragen. Dafür sollte Pfaff - anstatt weiterhin Opfer von Schikanen und Diskriminierung zu sein - über den Amos-Preis und die Ossietzky-Medaille hinaus vom Bundespräsidenten mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden. Doch das ist leider sehr unwahrscheinlich. Denn wo es um die Beteiligung an Kriegen und um Auslandseinsätze deutscher Soldaten geht, haben deutsche Regierungen und Politiker - parteiübergreifend von CDU/CSU bis zu den Grünen - in den letzten acht Jahren nationales und internationales Recht und Gesetz immer häufiger interpretatorisch gedehnt, gebeugt und gebrochen.

Und die dritte Gewalt - insbesondere die nationale Justiz, aber auch die internationale Justiz - haben daran mitgewirkt. Mit Ausnahme des Bundesverwaltungsgerichts im Fall Pfaff haben alle nationalen und internationalen Gerichte sowie ihre Staatsanwälte und Ankläger, die seit Mitte der 90er Jahre mit ähnlichen Fragen befasst waren, die Dehnung, Beugung und den Bruch deutschen und internationalen Rechts zum Teil erleichtert, für rechtens erklärt, nicht korrigiert und nicht geahndet.

Die Erleichterung durch die Justiz begann mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Juli 1994, mit dem der Spielraum für den Einsatz deutscher Streitkräfte im Ausland erheblich erweitert wurde. Auch durch die problematischen Interpretationsspielräume, die das Bundesverfassungsgericht damals gelassen hatte zu den Fragen, was „Verteidigung“ und was ein legitimer „militärischer Einsatz“ ist, und ob die NATO ein kollektives Sicherheitssystem ist wie die UNO. Doch diese Interpretationsspielräume sind durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes in Sachen Pfaff endlich eindeutig beseitigt worden. Die Bundesverwaltungsrichter definierten einen Verteidigungsbegriff für die Bundeswehr, der alles erlaubt, was die UN-Charta umfasst, aber eben nicht darüber hinaus geht. Wörtlich heißt es in dem Urteil: „Artikel 51 der UNO-Charta gewährleistet und begrenzt zugleich für jeden Staat das Recht zur individuellen und kollektiven Selbstverteidigung gegen einen bewaffneten Angriff.“ „Der Einsatz der Bundeswehr zur Verteidigung“ ist stets nur erlaubt als Abwehr gegen einen bewaffneten Angriff (armed attack, nach Artikel 51 der UN-Charta), jedoch nicht nur Verfolgung, Durchsetzung und Sicherung ökonomischer und politischer Interessen.“

Der erste konkrete Sündenfall eines Völkerrechtsbruchs war dann die Beteiligung deutscher Streitkräfte am völkerrechtswidrigen Luftkrieg der NATO gegen Serbien/Montenegro im Frühjahr 1999 ohne Mandat des UNO-Sicherheitsrates. Bis heute wird dieser Völkerrechtsbruch von Politikern der damaligen Rot-Grünen Regierungsparteien wie der damaligen Oppositionsparteien CDU/CSU und FDP mit der Behauptung einer völkerrechtlichen Notlage gerechtfertigt. Angeblich habe es damals wegen einer russischen und chinesischen Vetodrohung im UNO-Sicherheitsrat keine Möglichkeit gegeben für eine UNO-Resolution mit einem Mandat für verstärkten Sanktionsdruck sowie möglicherweise auch militärische Zwangsmaßnahmen gegen das Milosevic-Regime, um dessen schwere Menschenrechtsverletzungen gegen die Kosovo-Albaner zu stoppen.

Diese Behauptung einer völkerrechtlichen Notlage wegen einer angeblichen russischen und chinesischen Vetodrohung im UNO-Sicherheitsrat ist nachweislich und nachprüfbar falsch. Auch wäre eine Deeskalation der Spannungen und Gewalttaten im Kosovo möglich gewesen, wenn die damals vereinbarte Stationierung von 2000 Beobachtern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) im Kosovo schnell und in vollem Umfang erfolgt und nicht durch vor allem die USA hintertreiben worden wäre. Zudem wurden die in der Tat schweren Menschenrechtsverstöße serbischer Soldaten, Polizisten und Paramilitärs gegen die Kosovo-Albaner seinerzeit von Mitgliedern der damaligen Bundesregierung propagandistisch maßloss übertrieben und in einen Vergleichszusammenhang mit Auschwitz gebracht. Und schließlich wurden bei dem vom Westen und von Russland vermittelten Verhandlungen zwischen Serben und Albanern im französischen Rambouillet im Februar 1999 eben nicht „alle diplomatischen Möglichkeiten ausgeschöpft“, wie der damalige Bundesaußenminister Joseph Fischer stets - wider eigenes Wissen - behauptet hat.

Und weil das alles so war, konnte und kann ich bis heute in diesem Punkt auch Erhard Eppler nicht zustimmen, der damals auf dem Sonderparteitag der SPD am 12. April 1999 in Bonn erklärte, das Handeln der Rot-Grünen – also ihre Beteiligung am Luftkrieg der NATO – sei zwar tragisch gewesen, aber es habe dazu beitragen können, dass wir eine bißchen weniger schuldig geworden wären, als wenn wir nichts getan hätten.

Der zweite Fall eines völkerrechtswidrigen Einsatzes deutscher Soldaten ist die – ohne UNO-Mandat – erfolgte Entsendung deutscher Marineeinheiten an das Horn von Afrika im Rahmen der von den USA geführten Mission „Enduring Freedom“. Laut offiziellem Auftrag dient diese Mission der Bekämpfung des Terrorismus. Die deutschen Marinesoldaten sollen Schiffe durchsuchen auf Waffen, Drogen und mutmaßliche Terroristen. Tatsächlich leisteten und leisten die deutschen Marineschiffe weiterhin aktiven Begleitschutz für die US-amerikanischen und britischen Kriegsschiffe, die im Irakkrieg vom Frühjahr 2003 eingesetzt wurden und heute immer noch eingesetzt werden zum An- und Abstransport von Soldaten und Waffen für die anhaltende illegale Besatzung Iraks. Diese bis heute anhaltende völkerrechtswidrige Beihilfe für den Krieg und die Besatzung im Irak wird trotz der unmissverständlichen Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts im Fall Pfaff von deutschen Politikern - wie zum Beispiel dem verteidigungspolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, weiterhin mit angeblich bestehenden bilateralen Bündnisverpflichtungen gegenüber den NATO-Partnern USA und Großbritannien begründet.

Der dritte völkerrechtswidrige Einsatz deutscher Soldaten war der Kriegseinsatz des „Kommandos Spezialkräfte“ (KSK) der Bundeswehr in Afghanistan ebenfalls im Rahmen der US-geführten Mission „Enduring Freedom“. Ich sage „war“, obwohl wir auf Grund der Geheimniskrämerei der Bundesregierung über diesen Einsatz und wegen ihrer völlig unzureichenden und widersprüchlichen Informationspolitik selbst gegenüber dem Parlament nicht sicher sein können, ob dieser Kriegseinsatz der KSK nicht doch noch andauert.

Und damit komme ich abschließend zu dem völkerrechtswidrigen Einsatz deutscher Soldaten, der unmittelbar bevorsteht: Am Donnerstag dieser Woche wird der Deutsche Bundestag mit der Mehrheit zumindest der beiden Regierungsfraktionen CDU/CSU und SPD die vom Bundeskabinett bereits beschlossene Entsendung von Tornado-Flugzeugen nach Afghanistan absegnen. Auch wenn diese Tornados – zunächst zumindest – nicht selber schießen, sondern nur Aufklärungserkenntnisse und Zieldaten an die Kampfflugzeuge anderer NATO-Verbände weiterleiten sollen: Klar ist, die Bundesrepublik Deutschland und ihre Streitkräfte werden mit diesem Tornado-Einsatz aktive Beihilfe leisten für einen völkerrechtswidrigen Krieg. Derartige Beihilfe ist ebenfalls völkerrechtswidrig, wie das Bundesverswaltungsgericht im Pfaff-Urteil eindeutig festgestellt hat.

Und einmal ganz abgesehen von der Völkerrechtswidrigkeit dieses Krieges: Der Einsatz der deutschen Tornados oder selbst eine Entsendung deutscher Boden-Kampftruppen in den Süden Afghanistans – die zumindest einige NATO-Partner demnächst wieder verstärkt von Berlin fordern dürften – werden nicht verhindern können, dass die NATO diesen Krieg in Afghanistan verliert. Stattdessen wird der Kriegseinsatz der deutschen Tornados den – richtigen und wichtigen – Einsatz der Bundeswehr bei der Sicherung von Wiederaufbau- und Stabilisierungsmaßnahmen im Norden Afghanistans gefährden und möglicherweise eines Tages ganz unmöglich machen.

Doch trotz des eindeutigen Urteils des Bundesverwaltungsgerichts im Fall Pfaff sind die Bundesregierung, die Führung der Bundeswehr und eine Mehrheit der Bundestagsabgeordneten zum erneuten Bruch des Völkerrechts und des Grundgesetzes entschlossen. Daher ruhen alle verbleibenden Hoffnungen auf den Soldaten, die im Zusammenhang mit dem geplanten Tornado-Einsatz nach Afghanistan geschickt werden sollen, sowie auf jenen Soldaten, die hier in Deutschland an der Vorbereitung und Durchführung dieses Einsatzes beteiligt sind – und sei es auch an einer vermeintlich noch so unwichtigen Stelle:

„Ein einzelner Soldat kann einen Angriffskrieg nicht verhindern“, hat Major Pfaff in seiner Dankesrede für die Carl-von-Ossietzky-Medaille gesagt. Ganz kann ich diesem Satz nicht zustimmen. Denn es sind immer konkrete einzelne Menschen, die Angriffskriege politisch beschließen. Es sind immer konkrete einzelne Menschen, die die militärischen Angriffsbefehle geben. Und es sind immer konkrete einzelne Menschen, die den Angriffskrieg dann operativ ausführen. Auf jeder dieser drei Ebenen ist jede einzelne Verweigerung wichtig. Und mehrere Einzelne können einen Angriffskrieg durchaus verhindern oder stoppen.

Daher rufe ich von dieser Stelle alle Soldaten, die bei dem geplanten Tornado-Einsatz der Bundeswehr zum Einsatz kommen sollen - sei es vor Ort in Afghanistan - oder durch Unterstützungsleistungen hier in Deutschland und anderen Ländern:
Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihrem Kameraden Major Pfaff!
Verweigern Sie diesen völkerrechts- und grundgesetzwidrigen Kriegseinsatz und jegliche Beteiligung daran!
Berufen Sie sich gegenüber Ihren Vorgesetzten ausdrücklich auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts im Fall Pfaff!

Und ganz wichtig: Machen Sie – anders als die Tornado-Piloten, die 1999 klammheimlich eine Teilnahme am völkerrechtswidrigen Luftkrieg gegen Serbien verweigerten und die darauf gegen sie verhängten Sanktionen widerspruchslos in Kauf nahmen - Ihre Weigerung öffentlich! Denn dann können wir Ihnen unsere Solidarität und tatkräftige Unterstützung zukommen lassen.
Preisübergabe an Major Pfaff
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Preisverleihung an Florian Pfaff
durch Kathinka Kaden

Ich freue mich, den AMOS-Preis der OFFENEN KIRCHE heute Florian Pfaff verleihen zu können.

Die OFFENE KIRCHE, Evangelische Vereinigung in Württemberg, verleiht den 4. AMOS-Preis für Zivilcourage in Kirche und Gesellschaft an

Major Florian Pfaff, München

Die OFFENE KIRCHE würdigt damit seinen Entschluss und Mut, den Gehorsam zur Mitwirkung am Irak-Krieg aus Gewissensgründen zu verweigern, und seine Beharrlichkeit, massivem Druck zu widerstehen.

Dankesrede: Florian Pfaff
Major, München, Preisträger

Sehr geehrte Frau Kathinka Kaden, sehr geehrter Herr Andreas Zumach, meine sehr geehrten Damen und Herren,
besten Dank für die Auszeichnung mit dem AMOS-Preis, die Laudatio und die Gelegenheit, mit meinem Dank ein paar Gedanken der Öffentlichkeit vortragen zu können, um hoffentlich noch viele Menschen zu motivieren, sich noch viel mehr für das Recht und die Moral einzusetzen.

Zu meiner derzeitigen Situation, die Andreas Zumach soeben sehr umfassend dargelegt hat, möchte ich nur noch einmal betonen, dass ich selbst innerhalb der Bundeswehr, auch bei meinen derzeitigen Vorgesetzten, sehr viel Anerkennung und Zuspruch finde. Das ist schön. Es besteht also Hoffnung, dass die Zustände nicht so entsetzlich bleiben, wie sie zur Zeit leider sind.

Jeder fragt sich natürlich, wie es denn überhaupt so weit kommen konnte. Woran liegt das? Ich will nun wagen, eine Erklärung zu liefern. Nur wenn man eine plausible Erklärung hat, macht es schließlich Sinn, daran zu gehen, die Ursachen zu bekämpfen. Es ist klar, dass ich das nur versuchen kann, weder die absolute Wahrheit gepachtet habe, noch in ca. einer viertel Stunde diesen Gedanken allumfassend darlegen kann. Aber: Etwas unternehmen, tut Not.

Eine Bedingung ist damit eigentlich schon genannt: Man muss die wahren Gründe überhaupt erst einmal suchen, darf sich nicht mit der offiziellen Propaganda begnügen. Ist der wahre Grund aber überhaupt erkennbar? Gibt es eine Haupt-Ursache? In diesem Kreis, an diesem Ort ist es mir sicher erlaubt, dass ich auch meinen Glauben zu Rate ziehe, folglich eine Erklärung liefere, die bis in den Bereich der Religion hinein geht. Rein rational ist das, was wir erleben, meiner Meinung nach ohnehin nicht mehr zu fassen. Auf die wissenschaftstheoretische, die übergeordnete Problematik will ich nicht eingehen. Das liefe auf das Theodizee-Problem hinaus, würde den Rahmen sprengen. Schließlich will ich einen Lösungsweg aufzeigen, den ich für begehbar halte, und zum Beschreiten dieses Weges, anstatt zu weiterer Gewalt, anstiften.

Das Phänomen bzw. Problem der grassierenden Amoralie, die sich wie eine Pandemie ausgebreitet, vor allem die Machteliten befallen hat, lässt sich im Grunde einfach beschreiben: Wir erleben spätestens seit dem Irak-Krieg, z.T. auch in unserem Land, die Pervertierung von Recht und Moral. Völlig abstruse, früher bei uns für völlig undenkbar gehaltene Handlungen gelten schon fast als normal. Macht geht vor Recht, brutalste Gewalt, sogar Massentötungen ersetzen die frühere Friedens- und Entspannungspolitik. Niemand spricht mehr von einer zwei-Säulen-Strategie der NATO, also auch von Deeskalation. Ich höre nur noch „Kampf gegen den Terror”. Gemeint ist natürlich nur der Terror der sog. Bösen, nie der selbst provozierte, im Fall Saddams oder der Taliban der zuvor ja selbst geförderte Terror, wie der Widerstand gegen die Besatzer heute stets auch genannt wird. Der der Angreifer, der viel tödlichere eigene Terror, der im Irak bereits viel mehr als eine halbe Million Opfer an Menschenleben verursacht hat, geht sozusagen kollateral in Ordnung

Das ist natürlich nicht in Ordnung. Geschürte, z.T. völlig falsche propagandistische Feindbilder ersetzen Diplomatie und Friedensliebe. Wir erfinden sexy Kriegsargumente, anstatt Wahrheit als höheren Wert anzuerkennen, brechen alle heiligen Eide und setzen unser Land immer mehr einer selbst herbeigeführten terroristischen Bedrohung aus (siehe Madrid, London usw.). Wir schicken Tornados als Scout für bunkerbrechende Bomben, statt humanitäre Hilfe, Gebete und den Gedanken der Feindesliebe - all dies geschieht immer mehr, in immer mehr Ländern, zumindest in einem erstaunlichen Missverhältnis.

Ich rede natürlich nicht von der Masse der Bevölkerung, von einer Quote irgendwo zwischen 90 und 99%, die solche Kriege, Terror, Gegenterror, Folterflüge und Desinformation nicht will, die ja Gegner dieses unhaltbaren Gewaltexzesses sind. Das hat die internationale Politik aber nicht davon abgehalten, diesen Kurs zu setzen und Gas zu geben - Giftgas bzw. weissen Phosphor. Der einfache Bürger, Humanist, Pazifist, der solche Zustände haarsträubend und entsetzlich findet, scheint als Einzelner machtlos dagegen, droht entmutigt zu werden. War der Protest der Millionen, die zu Beginn des Irak-Kriegs auf die Straße gingen (oft nackt), umsonst? Lohnt es sich denn, für den Frieden einzutreten? Kann das gelingen?

Ich habe mir vorgenommen, es zu versuchen, den mir möglichen Beitrag zu leisten. Friedenserklärungen sind besser als Kriegserklärungen. Die offene Kirche hat mich heute moralisch wie finanziell dafür geehrt und gestärkt. Dafür danke ich Ihnen. Leute wie Sie sind es, die ich gerne verteidige. Es sind, wie gesagt, sehr viele, auch wenn ich nicht immer von allen so unmittelbar, so offen und massiv unterstützt werde.

Es gibt also nicht nur Unmoral und Verbrechen, sondern sozusagen zwei Welten - Gut und Böse. Blickt man mit dem Herzen tiefer hinein, erkennt man sehr schnell: Die Trennung verläuft nicht nur so, wie die Propaganda nahelegen möchte, zwischen West und Ost, dem Reich des Guten, das Waffen exportieren, Kriege führen, sogar foltern darf, auf der einen und dem Reich des Bösen, das dies zwar nicht darf, zumindest eines Tages aber im gleichen Umfang tun könnte, auf der anderen Seite. Leider gibt es innerhalb und ausserhalb der Bundeswehr bewusst Rhetorik genau in diese Richtung, anstatt in Richtung Versöhnung. Aber völlig falsche Beschuldigungen und vorsätzlich primitive Pauschalierungen dienen nur dem Kampf, sind nur gezielte Volksverhetzung. Hinterfragen wir die Kriegslügen. Die Trennung zwischen Gut und Böse verläuft in Wahrheit auch nicht nur zwischen dem alten und dem neuen Europa. Sie verläuft durch alle Kontinente, alle Länder, Dörfer, Häuser, ja sogar mitten durch die Köpfe der einzelnen Menschen. Viele wissen gar nicht mehr, was sie denken sollen. Gut und Böse sind keine geographischen Begriffe, kein Kriterium nach Rasse oder Religion, wie die falschen Propheten aller Couleur, die Fundamentalisten, predigen. Jeder Mensch einer beliebigen Religion, Region, Profession usw. muss sich, wenn er den Frieden wirklich will, statt dessen täglich selbst fragen, woran er nicht mehr mitwirken und was er dagegen tun kann. Das gilt besonders für diejenigen, die glauben, sie dürften ungestraft foltern und töten. Der Kampf der Kulturen findet also auch in diesem Moment statt, aber nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Kulturen. Ein friedfertiger Amerikaner wird gegen mich und meine Worte so wenig haben wie ein Araber. Ich werde umgekehrt solche Menschen nicht bekämpfen, die mich nicht unmittelbar bedrohen. Ich habe allerdings so gut wie nichts gemein mit den Pharisäern, die nur für ihre Macht das Recht und die Moral zerstören, und noch weniger mit ihren feigen Propagandisten, die glauben, nichts zu riskieren, die in der Tat oft sogar so sehr auf ihren Vorteil bedacht sind, dass sie die notwendige Diskussion verteufeln, sich zumindest entziehen.

Es ist hierzulande übrigens kaum bekannt, dass von den USA Gewalt selbst zum Zweck umfunktioniert, vom Unfall inzwischen zur Strategie erhoben wurde. Wer die Berichte, wonach die Kämpfer in ihren Zielgebieten quasi auf alles schießen, was sich bewegt, nicht entsprechend deuten kann oder gar nicht glaubt, der wird Belege dafür in unseren Medien zwar selten finden, an den offiziellen Worten des sogenannten Verteidigungsministers der USA seinen Militärs gegenüber, also der offiziell erklärten Strategie, die inzwischen bekannt wurde, aber nicht vorbeikommen. Leider hat die NATO dafür nach aussen hin, für die friedliebende Bevölkerung, einen Tarnbegriff, nämlich „Kollateralschaden” geschaffen. Die Doktrin dahinter wird rhetorisch kaschiert.

Die unverhohlene, vorsätzliche und übermäßige Gewalt, die gezielt auch gegen potentielle Sympathisanten, nicht nur im Irrtum, angewandt wird, sieht man nicht nur an den Folterpraktiken, sie hat insgesamt einen Namen. Im amerikanischen Klartext heisst sie „Shock and Awe”, also sinngemäß „Furcht und Schrecken”. Feuerkraft im Überfluss und die Bereitschaft der Soldaten auch zu illegaler Gewalt werden ausgenutzt, um den Feind von Gegenwehr abzuhalten bzw. Widerstand sofort zu brechen. „Force”, „Scope” und „Scale” sollten wie bisher in keinem Krieg maximiert werden. Auf Deutsch: Die Gewalt wird bewusst zur Einschüchterung entfacht.

Das wäre natürlich selbst dann nicht rechtens, wenn es sich um Vergeltung handeln würde. Angst und Schrecken sind, zumal wenn es um unbegründete Drohungen und Folter geht, nichts anderes als Terror. Anstatt „Shock and Awe” kann man in diesem Fall auch „Überziehen mit Terror” sagen. Ich nenne Leute, die „Shock and Awe” gegen ein Volk sozusagen amtlich fordern und dann tatsächlich wie z.B. in Falludscha unterschiedslos Unschuldige massakrieren, öffentlich nicht Friedenspolitiker, sondern „Terroristen”. Mit ihnen und ihren Helfershelfern will ich nichts zu tun haben. Sollen diejenigen Beihilfe leisten, die noch an ihre Lügen glauben.

Recht und Moral sind offensichtlich fast keine Richtschnur mehr. Provozierter Widerstand wird zuallererst mit noch mehr Gewalt beantwortet. Die Spirale der Gewalt dreht sich.
Unrechtsbewusstsein? - Fehlanzeige! Rechtsbewusstsein? - Gelächter! Recht ist wohl kein Kriterium mehr, wenn es die eigene Macht, die Unmoral, zu sehr behindert.

Ich will nun den Versuch wagen, die dahinter liegenden Gedankengänge aufzuzeigen. Es gibt zwei völlig unterschiedliche Sichten, die zum menschenverachtenden Krieg animieren:
Die eine, wohl eher beim einfachen Volk bzw. in Erklärungen für das Volk anzutreffen, ist die, man müsse dem islamischen Extremismus, auch wenn er uns (noch) nicht unmittelbar bedrohe, das Handwerk legen, bevor er zu einer ernstzunehmenden existentiellen Bedrohung anwachse. Schließlich handele es sich um Leute, die glauben, sie müssten den heiligen Krieg führen, ihr Gott fordere nicht auf, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Das, was da im Koran stehe, zumindest von Fundamentalisten so hineininterpretiert werde, die ganze Religion, müsse man deshalb präventiv und präemptiv bekämpfen. Ich gehe gleich darauf ein, dass dies im Koran nicht steht, in der Bibel dagegen schon.

Doch zuvor zum zweiten Gott, der vor allem bei den Reichen, im militärisch-industriellen Komplex, anzutreffen ist. Ob nun Rüstungsfirmen, private sogenannte Sicherheitsfirmen usw. wirklich so skrupellos sind, wie oft berichtet, oder nicht: Auch diese Leute haben z.B. einen Gott, jedoch einen ganz anderen: den Mammon. Sie glauben sonst an nichts, kennen die Lügen, haben sie z.T. sogar selbst in Auftrag gegeben, wie die Geschichte mit den angeblich durch die irakische Soldateska geplünderten Brutkästen im zweiten Golfkrieg, die von einer Werbefirma frei erfunden, dieser abgekauft worden war.

Da es sich bei solchen Leuten um diejenigen handelt, die im Moment die Macht haben, die sie freiwillig wohl nicht hergeben werden, wird hier direkt nichts zu machen sein. Wenn das Volk die Lügen der falschen Propheten aber durchschaut, ist ihre Macht gefährdet. Hier muss also - und kann wirksam - angesetzt werden.
Lassen wir die Lüge zum ersten Opfer auf dem Weg zum Frieden werden!

Dem steht leider eine Eigenschaft der Menschen entgegen: nämlich dass sie lieber an das Gute glauben, vor allem in sich selbst. Den Splitter im Auge des Anderen sehen sie, den Balken im eigenen Auge nicht.
Doch nun, wie versprochen, noch die Quelle für das obige Zitat. Es entstammt in der Tat nicht dem Koran, sondern dem Neuen Testament, nämlich Matthäus 10, 34 ff, wo es heisst:

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.” - Wehe, wenn so etwas im Koran stünde und das Reich des Guten die Stelle fände! Die Meinungsmacher sind umgekehrt natürlich auch nicht bereit, den Schwertvers des Koran in seinem Kontext zu sehen, der dem der Bibel im Grunde ja genau entspricht, dass nämlich zur Verteidigung - und nur dafür - das Schwert dienen darf. Aus Zeitgründen kann ich darauf, dass die Würde des Menschen und die Nächstenliebe in beiden Schriften Vorrang haben, vor allem, dass auch die Bibel nicht zu Mord und Totschlag - so wenig wie der Koran - anstiftet, hier leider nicht eingehen. Die Parallelen sind aber belegbar, die Forderungen nach Toleranz und Liebe sogar im Grunde deckungsgleich.

Damit bin ich bei meinem letzten Teil, der Lösung, bzw. bei dem, was in meinen Augen ein guter und erfolgversprechender Ansatz zur Beendigung des Horrors, ein Weg zum Frieden, wäre: Erzählen wir den Menschen von der Liebe. Der Liebe, die Ihnen zuteil wurde, und die sie in Gottes Namen ihren Mitgeschöpfen zuteilwerden lassen sollten. Dass sie mit ihren Feinden reden, anstatt ihnen die Bäuche aufzuschlitzen.

Wenn sie das erfahren - ich rede von den Gleichgültigen, nicht von denen, die nur den Mammon anbeten und Macht vor Recht gutheissen - werden sie zu ihren alten Werten zurückfinden, den Mut dann auch aufbringen, sich menschlich zu verhalten, dem Unrecht nicht mehr zu dienen. Ich weiss, dass ich von manch Mächtigen verspottet werde als Idealist, ja Utopist. So als habe es nie etwas anderes gegeben als den Sieg der Macht. Dabei ist es gerade umgekehrt. Nach entsprechendem Verfall der Kultur ist nicht nur das Römische Reich verblasst, sogar die Sowjetunion, damals eine Supermacht, ist mit dem Verrat der menschlichen Würde zerfallen, das Regime der DDR untergegangen. Die Menschheit hat sich international erstmals in ihrer Geschichte von Krieg als Mittel zur Fortsetzung der Politik unter Zuhilfenahme anderer Mittel abgewendet und das Angriffsverbot juristisch verbindlich niedergelegt.

Major Pfaff bedankt sich mit einer weißen Rose Gleiches gilt für die Menschenrechte, die unmittelbar aus der Würde resultieren. So etwas wie der Irak-Krieg gilt inzwischen schlicht als Verbrechen. Ausgehend von der Habeas Corpus Akte sind wir inzwischen auch in der Praxis ein Stück vorangekommen. Die USA wissen, dass sie weltweit gehasst werden für das Verhalten ihrer Regierung. Die Menschen wollen keine Anstiftung zu Morden, auch wenn es noch ein Gericht in den USA zu geben scheint, das es für unerheblich hält, dass der Irak-Krieg ein Verbrechen ist, wenn es um die Frage geht, dass Lt Watada nicht verpflichtet war, dabei mitzuwirken. Lassen Sie mich also meine Zuversicht ausdrücken: Es wird viele Leute geben, die Lt Watada wie z.B. Mike Honda, Willie Nelson, Harry Belafonte, Mike Farrell, Ed Asner, Randi Rhodes, Susan Sarandon, Martin Sheen und viele andere unterstützen, dass er nicht selbst mit schuldig werden muss. Und es wird viele Leute geben wie das Bundesverwaltungsgericht, meine Kameraden in München oder Sie, die Bürger mit Gewissen davor schützen, zur Mitwirkung an der Zerstörung der Menschlichkeit gezwungen zu werden, so dass sie sich nicht selbst versündigen müssen. Fast alle sind gegen die Bush-Methode und erkennen den Anspruch der USA, die Gunst der Stunde zu nutzen, um sich den Erdkreis auf diese Weise untertan zu machen, so nicht an. In der Hoffnung, dass dies immer mehr werden, rufe ich auf: Wo immer Sie Verantwortung tragen oder sich beteiligt sehen, machen Sie nicht mit bei Verbrechen wie Angriffskrieg! Entscheiden Sie sich für moralisch und juristisch saubere Methoden. Wählen Sie keine Partei, die Angriffskrieg duldet oder schön redet. Glauben Sie nicht an das Böse nur beim Feind. Auch das Gute steckt in jedem Menschen. Lassen Sie es zumindest uns versuchen!

Frau Kathinka Kaden, Sie und Ihre Crew tun das, haben sich das in ihre Statuten geschrieben.
Ich möchte Ihnen zum Abschluss meiner Rede für dies alles, auch für die Gelegenheit, dies öffentlich zum Ausdruck bringen zu dürfen, noch einmal von Herzen danken. Zusammen werden wir es schaffen, dass Phänomene wie der Irak-Krieg, der ja nur der Anfang einer neuen Weltordnung sein sollte, sich ihr eigenes Grab schaufeln, weil zu viele Menschen selbst nachzudenken beginnen angesichts des Leids. Wir werden es wieder in das öffentliche Bewusstsein bringen, dass solche offensichtlichen Verbrechen kein Meilenstein auf dem Weg zur Normalität des ungesetzlichen Tötens in aller Welt werden, sondern der Anfang vom Ende solcher Schrecken, so dass wir mit unseren Freunden wieder in Frieden zusammensitzen und vernünftig reden können, egal ob mit Baha’i, Buddhisten, Christen, Hindus, Jains, Juden, Konfuzianern, Moslems, Shintoisten, Sikhs, oder mit anderen, denn wir sind alle Kinder Gottes, nicht Sklaven des Mammon. Wir müssen uns auch nicht gegenseitig bekehren - und schon gar nicht mit Gewalt.

Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass auch bei uns noch immer unmenschliche Grausamkeiten erdacht, gerechtfertigt und von viel zu vielen mitgemacht werden, und nicht, dass es in einer Demokratie Menschen gibt, die Kritik daran frei äussern dürfen, wenngleich Propagandisten mit Nähe zu Angriffskriegen, wie z.B. Horst Teltschik, angesichts der Tatsache, dass Leute wie ich die Verbrechen und die Verbrecher beim Namen nennen, bekanntlich eine Tragik darin sehen, dass bei uns jeder seine Meinung öffentlich vertreten darf. Dass Leute, die auch Angriffskrieg nicht scheuen, wie auch unser eigenes sogenanntes Verteidigungsministerium, Leute wie mich aber gewähren lassen müssen, birgt im Gegensatz zu der Situation in einer Diktatur, die Chance zur Selbstkritik, ist eine unserer größten Stärken. Hier irrt Herr Teltschik also, wenn er nicht bewusst dies einen Vorzug der Diktatur nennen will. Lassen wir uns keinesfalls die Meinungsäusserung verbieten oder uns deshalb schlecht fühlen. Im Gegenteil - sehen wir zu, dass die Mehrheitsmeinung nicht von der veröffentlichten Meinung totgeschwiegen und die Unmoral einfach geduldet wird:

Ich ergänze zur aktuellen Debatte um die Tornado-Jets: Glauben Sie nicht, dass solche Fotos dem Frieden dienen sollen. Selbst nach einem Sieg in Afghanistan haben die Warlords aus den USA ja bereits erklärt, dass dies erst der Anfang ist. Deshalb müssen wir diesen Unfug jetzt beenden. Weder die Fotos noch die darauf folgenden Bomben würden der Versöhnung dienen. Es geht auch nicht um die Verschonung Unschuldiger während einer angeblich notwendigen Bombardierung der Region. All das ist nur gelogen. Weder beendet ein Foto die Kämpfe, noch kann man mit Tonnen von Bomben Muslime von der Überlegenheit unserer Werte überzeugen. Ihre Herzen werden sich nicht mit Gewalt erobern lassen. Man provoziert so nur Widerstand. Das wissen wir. Also suchen wir lieber nach einem Ende der Kämpfe!

Erheben wir erst unsere Herzen, unsere innere Stimme, und sagen wir dann laut, dass Schluss gemacht werden muss mit diesen verwerflichen Zuständen. Einschüchterung mit Flächenbombardement und Folter sind weder Friede noch Freiheit. Der Friede wird zuallererst zu Hause verteidigt, indem man den Mut aufbringt, bei der Wahrheit zu bleiben, keine Kriegslügen duldet oder gar selbst verbreitet, statt dessen Versöhnung fordert. Nachdem das Volk das will, sollten die Diener des Volkes das tun. Die Unterstützung von Angriffskrieg, sogar hinter dem Hindukusch, ist nicht Verteidigung. Der Zwang zur Gefolgschaft selbst bei solchen Verbrechen ist nicht Recht. Damit wird auf Dauer im übrigen kein Blumentopf zu gewinnen sein. Wahrheit, Rechtstreue und Versöhnung sind statt dessen die Mittel der Wahl, auf die wir uns einigen müssen, auf die wir uns mit allen Menschen auch einigen könnten, wenn wir das wollten. Lassen Sie es uns wollen! Das darf gesagt werden. Es muss gesagt werden.
Es muss gelebt werden.

Zur Erinnerung darf ich Ihnen nun diese weiße Rose übergeben.
Herzlichen Dank!

Erhard Eppler bei seiner Rede Schlusswort: Dr. Erhard Eppler
Schirmherr des AMOS-Preises

Bericht: Nichtentsendung von Truppen war entscheidend

„Das Entscheidende damals war, dass eine Regierung es gewagt hat, das Gegenteil von dem zu tun, was von ihr verlangt wurde“, sagte Erhard Eppler, der Schirmherr des AMOS-Preises in seinem Schlusswort im Hinblick auf den Irak-Krieg, den er als einen der „dümmsten Kriege in der Weltgeschichte“ bezeichnete.

Die Nichtentsendung von Soldaten in den Irak habe das Ansehen der Bundesrepublik weltweit gesteigert. Eppler bezeichnete dies als emanzipatorischen, irreversiblen Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik seit dem zweiten Weltkrieg, und als Zeichen erheblicher Zivilcourage einer Bundesregierung. „Dies ist ein Glanzpunkt in unserer Geschichte, die an Höhepunkten arm ist“, sagte Eppler.

Zur Kritik Zumachs, dass die Bundesregierung den Irak-Krieg durch die Gewährung von Überflugrechten unterstützt habe, meinte Eppler, ein Politiker denke und entscheide anders als ein Jurist. „Der Politiker hat ein Ziel. Er muss Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden. Er muss im Unwesentlichen Konzessionen machen, um Wesentliches zu erreichen.“ Das Wesentliche sei die Nichtentsendung gewesen.

Die wirkliche Gefahr im 21. Jahrhundert sei nicht mehr der Krieg zwischen Staaten, sondern die privatisierte Gewalt und der damit einhergehende Zerfall des staatlichen Gewaltmonopols. Dies sei auch im Irak eindrucksvoll zu sehen, wo nicht der militärische Sieger dominiere, sondern die entstaatlichte Gewalt im besiegten Land. „Wir brauchen im 21. Jahrhundert ein internationales Gewaltmonopol, das auch da eintreten kann, wo das staatliche Gewaltmonopol zerbrochen ist“, forderte Erhard Eppler. Und wo im 21. Jahrhundert das Militär Polizeiaufgaben wahrnehmen müsse, und Pazifisten Gewalt überwinden wollten, müssten sie beide lernen, dass sie aufeinander angewiesen seien.
 

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AMOS-Preis 2005:
Halina Bortnowska, Warschau, und „Café Strich-Punkt“, Stuttgart

Der Amospreis 2005 der OFFENEN KIRCHE, Evangelische Vereinigung in Württemberg, ging an die Warschauer Journalistin und Menschenrechtlerin Halina Bortnowska in Polen und an das „Café Strich-Punkt“ in Stuttgart. Dies entschied die Jury unter dem Vorsitz von Pfarrerin Kathinka Kaden am 20.11.2004 in Stuttgart. Der Amospreis wird damit auch beim dritten Mal geteilt verliehen. 33 Personen und Gruppen hatten sich um diesen „Preis für Zivilcourage in der Kirche - und über die Kirchen hinausgehend“ beworben. Ausgezeichnet wurde die Warschauer Journalistin und Menschenrechtlerin Halina Bortnowska, weil sie jahrzehntelang für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte in Polen kämpfte. Dies trug ihr im Kriegsrecht die Internierung durch die kommunistischen Machthaber ein. Sie handelte in der Erkenntnis, dass der Streit für die Wahrung der Menschenrechte auch in demokratischen Gesellschaften geführt werden muss. Sie nahm auch mutig Stellung zu den Gefahren von Rassismus und Antisemitismus und hat immer als Christin Position bezogen.
Frau Bortnowska ist persönliches Mitglied des polnischen Helsinki-Komitees und war Pressesprecherin des ersten demokratisch gewählten Premierministers T. Mazowiezki.
Sie ist die Gründerin der polnischen Sektion der katholischen Friedensbewegung Pax Christi. Sechzig Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges würdigt die OFFENE KIRCHE zugleich Halina Bortnowskas herausragendes Wirken für die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen.

Zweiter Preisträger ist das „Café Strich-Punkt“ in Stuttgart, das Hilfe bietet für Jungen und junge Männer, die ihren Lebensunterhalt durch Prostitution verdienen. Aufgrund ihrer persönlichen, von Verachtung und Diskriminierung geprägten Situation fallen sie durch das soziale Netz. „Café Strich-Punkt“ bietet einen geschützten Raum, begleitet und berät die häufig drogenabhängigen Jungen und jungen Männer mit dem Ziel, einen Ausstieg aus dem Milieu und eine Integration in die Arbeitswelt und Gesellschaft zu ermöglichen.
„Café Strich-Punkt“ ist ein Projekt des Vereins zur Förderung von Jugendlichen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten e.V. - aus der Alt-Katholischen Gemeinde Stuttgart entstanden - in Kooperation mit der Aids-Hilfe Stuttgart e.V.

Der AMOS-Preis wurde verliehen am Sonntag, 20. Februar 2005, 12 Uhr, in der Erlöserkirche, Stuttgart. Der Preis ist insgesamt mit 5000 Euro dotiert, die ausschließlich aus Spenden aufgebracht werden. Schirmherr des AMOS-Preises ist der ehemalige Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages und Mitglied der EKD-Synode, Bundesminister a.D. Dr. Erhard Eppler.
 

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AMOS-Preis 2003:
Diakonische Basisgemeinschaft „Brot & Rosen“ (Hamburg-Bramfeld) und Workshop „Feministische Theologie Laichingen“

Der AMOS-PREIS der OFFENEN KIRCHE, Evangelische Vereinigung in Wü ;rttemberg, wurde erneut geteilt vergeben. Dies entschied die Jury unter dem Vorsitz von Pfarrerin Kathinka Kaden am Samstag, 23. November 2002 in Stuttgart. 28 Personen und Gruppen aus der ganzen Bundesrepublik hatten sich um diesen Preis „für Zivilcourage in der Kirche - und über die Kirche hinausgehend“ beworben.

Ausgezeichnet wurde die Diakonische Basisgemeinschaft „Brot & Rosen“ aus Hamburg-Bramfeld, die dort vor fünf Jahren das „Haus der Gastfreundschaft“ gegründet und bisher ca. 80 Menschen bis zur Klärung ihrer Situation aufgenommen hat. Die derzeit fünf Mitglieder (und drei Kinder) der Basisgemeinschaft, die nach urchristlichen Grundsätzen in einer Einkommensgemeinschaft einen einfachen Lebensstil pflegen, beschreiben ihre Ziele so:

„Im direkten Dienst an unseren Nächsten wollen wir mit Menschen arbeiten, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Wir wollen dabei auf Gebieten arbeiten, in denen der Sozial-Staat Menschen Grundbedürfnisse vorenthält und Menschenrechte verletzt. Obdachlose brauchen nicht nur die geringe staatliche Sozialhilfe, so ndern oft die Aufnahme in ein Zuhause. Flüchtlinge werden nach der praktischen Abschaffung des Asylrechts in unserem Land zunehmend deportiert oder in die Illegalität gedrängt und da durch aller Rechte beraubt. Christ/innen müssen sie zunehmend aufnehmen, versorgen und schützen.“

Zweiter Preisträger ist der Workshop „Feministische Theologie Laichingen“, der dort auf der Schwäbischen Alb im Jahr 2003 bereits das 4. Symposium „Feministische Theologie“ veranstalten wird. Die Frauen des Workshops beschreiben ihre Ziele so:

„Wir wollen provozieren mit unserem Namen: Hier in der Region, tief verwurzelter Pietismus, bedeutet feministische Theologie nicht zur Amtskirche gehörend. Wir propagieren weibliches selbstständiges Denken, setzen es um, indem wir biblische Texte gegen den Strich bürsten ... Durch unsere Suche nach Frauengeschichte in der patriarchalen Kirchengeschichte und Gesellschaft zeigen wir deutlich unseren Anspruch auf, dass wir Zivilcourage leben trotz persönlicher Anfeindung (bis hin zu Problemen mit dem Arbeitsplatz bei der Kirchengemeinde).“

Der AMOS-Preis wurde verliehen am Sonntag Reminiscere, 16. März 2003 in der Erlöserkirche in Stuttgart. Der Preis ist mit 5000 EURO dotiert, die aus Spenden aufgebracht werden. Schirmherr des Preises ist der ehemalige Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages und Mitglied der EKD-Synode, Bundesminister a.D. Dr. Erhard Eppler. Preisträgerinnen des 1. AMOS-Preises waren die burgenländische Superintendentin Gertraud Knoll sowie Pfarrerin Beatrix Spreng und ihre Gemeinde aus Joachimsthal in Brandenburg.
 

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Amos-Preis 2001:
Gertraud Knoll und Beatrix Spreng

Jury würdigte Eintreten gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit

Die OFFENE KIRCHE verlieh am 24.7.2001 zum ersten Mal den mit insgesamt 5.000,-- EUR dotierten AMOS-Preis für Zivilcourage in der Kirche. Mit dem AMOS-Preis wird prophetisch wirkendes Handeln und Reden gewürdigt, das in der Tradition des Propheten AMOS gegen Unrecht und Ignoranz auftritt und beispielhaft dem politischen Anspruch des Evangeliums gerecht wird.

Die Jury - bestehend aus Cornelia Füllkrug-Weitzel, Helmut Herberg, Kathinka Kaden (Vorsitzende), Helga Solinger, Dr. Reiner Strunk, Jörg Vins - entschied sich aus 26 Bewerbungen für die österreichische Superintendentin Getraud Knoll sowie für die brandenburgische Pfarrerin Beatrix Spreng und die Evangelische Kirchengemeinde Joachimsthal.

Getraud Knoll - so begründete die Jury ihre Wahl - habe sich mutig gegen rechtsextremistische politische Entwicklungen in Österreich eingesetzt. Sie hätte dafür Anfeindungen und Drohungen gegen sich und ihre Familie inkauf nehmen müssen.

Beatrix Spreng und ihre Gemeinde in Joachimsthal hätten eine beispielhafte erfolgreiche Projektarbeit entwickelt, um Fremdenfeindlichkeit und nationalsozialistischem Gedankengut durch „entspannende Zuwendung“ zu rechten Jugendlichen zu begegnen.
 

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