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Gastfreundschaft [26.01.2016]

Gedanken zur Gastfreundschaft - von der OK-Vorsitzenden Erika Schlatter-Ernst

Gastfreundschaft ist eine alte kirchliche Tradition. Wenn die Apostel reisten, wohnten sie selbstverständlich bei Mitgliedern der Gemeinde. Später waren die Klöster Orte, wo Durchreisende einen Teller Suppe und ein Bett bekamen und Verfolgte Schutz. Wo man die Kranken aufnahm und pflegte.
Und schließlich verstanden auch diakonische Einrichtungen ihre Häuser als Hospize, lange bevor dieser Name für christliche Gasthäuser und dann für die Sterbebegleitung genutzt wurde. "Dass wir einander Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause" – darin sah Friedrich von Bodelschwingh, der Gründer von Bethel, den Sinn aller Gastfreundschaft.  
Gastfreundschaft ist Teil unserer christlichen Tradition; aber sie geht weit darüber hinaus. Bei Gastfreundschaft denken wir an einen schön gedeckten Tisch, leckere Speisen und Getränke, interessante, anregende Gesprächspartner, kurz einen vergnüglichen, unterhaltsamen Abend mit vielen schönen Eindrücken in toller Atmosphäre. Aber was ist eigentlich der Ursprung von Gastfreundschaft?
Tatsächlich liegen die Wurzeln in einem völlig anderen Bereich: im Umgang mit Fremden. Sie reichen zurück in eine Zeit, wo jeder Fremde erstmal eine existentielle Bedrohung darstellte. "Hospes", das lateinische Wort für Gast, ist verwandt mit "hostis", das heißt Fremder und Feind. Das heißt, Gastfreundschaft hat etwas damit zu tun, dass der Mensch seine eigene Angst, das Gefühl von Unsicherheit gegenüber dem Fremden überwindet.
Bei uns ist es heute mehr Unsicherheit und Unbehagen – in früheren Zeiten war es tatsächlich existenzielle Angst; denn wer weiß, was das für eine Gestalt ist, die sich da der eigenen Hütte und dem eigenen Dorf nähert. Der Fremde ist erstmal der Unwillkommene, der als Risiko und Bedrohung empfunden wird. Gastfreundschaft war und ist zu allen Zeiten eine echte menschliche kulturelle Leistung. Homer erzählt in seiner Odyssee von den Regeln der Gastfreundschaft bei den alten Griechen. Ein guter Gastgeber bereitet seinem Gast ein Bad, er stellt ihm frische Kleider zur Verfügung und deckt ihm den Tisch – er nimmt den Fremden auf wie einen Verwandten.
Die Gastfreundschaft zu verletzen, bedeutete Frevel gegenüber den Göttern. Schließlich könnten sich die Fremden ja selbst als Götter erweisen – incognito sozusagen. Fremde aufzunehmen war deshalb ein Akt der Frömmigkeit. Tischdecken und Betten machen war ein Gebet; das Willkommensfest ein Gottesdienst. "Wer Gastfreundschaft übt, bewirtet gleichsam Gott selbst", heißt es im Talmud.
"Gastfrei zu sein, vergesst nicht, haben doch einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt" so lesen wir es im Neuen Testament – im Brief an die Hebräerinnen und Hebräer. Da schwingt die Erzählung von Abraham und Sara mit, die im Hain von Mamre drei Fremde als Gäste empfangen. Sie waschen ihnen die Füße und decken ihnen den Tisch und begreifen erst viel später, dass in diesen Gästen Gott selbst gegenwärtig ist – das merken sie an einem ganz besonderen Gastgeschenk. Die drei verheißen ihnen den Sohn, mit dem sie nicht mehr gerechnet hatten. Wer die Tür für Fremde aufmacht, kann mit Überraschungen rechnen. Ein neuer Blick auf das Leben, eine erstaunliche Wendung, vielleicht sogar die Nähe Gottes – incognito. Unter unseren Gästen.  
Und einen weiteren Gedanken will ich noch ansprechen zum Thema Gastfreundschaft, der sich wie ein roter Faden durch die Bibel zieht: nicht nur wir sind Gastgeber, auch Gott ist Gastgeber -  für uns Menschen. Das ist eine der Zukunftsvisionen, dass Gott am Ende der Zeiten uns den Tisch deckt und ein riesiges Fest feiert. Die Gastfreundschaft ist aber auch alltäglicher Bestandteil von Jesu Wirken. Jesus lädt immer wieder Menschen ein, mit ihm zu essen und zu trinken. Sie feiern mit ihm. Er schafft eine Atmosphäre von Gastlichkeit, die gerade, weil sie bedingungslos ist, eben nicht folgenlos bleibt: Menschen öffnen sich und neues, verändertes Leben wird möglich. "Und sie folgten ihm nach". Unser Leben ist ein Fest. Darauf zielt es eines Tages, aber das gilt auch für unser jetziges Leben. Und so ist die Feier unseres Lebens kein überflüssiger Luxus, sondern ein absolut Gott gemäßes Tun, das uns auf die Ewigkeit vorbereitet. Gott ist ein gastfreundlicher Gott und nichts ehrt den Gastgeber mehr, als wenn die Gäste die Gastfreundschaft annehmen und genießen.  
Eine Kirche, die Gottes Gastfreundlichkeit ernst nimmt, wird versuchen, Räume zu schaffen, in denen Lebensnotwendiges geteilt werden kann, in denen Fremde zu Freunden werden können, und in denen die Schönheit und die Feierlichkeit des Lebens zum Zuge kommt. Denn dadurch verweist die Kirche auf Gott, der Menschen zum Fest des Lebens einladen will. Gastfreundschaft zu gewähren bedeutet, dass wir eine Grunderfahrung des Glaubens miteinander teilen, nämlich dass Gott freundlich und voller Zuwendung ist. Im Epheserbrief heißt es: "So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen." Amen.  

Erika Schlatter-Ernst, 23.1.2016 beim Treffen der OK-Bezirksverantwortlichen

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