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AMOS-Preis-Verleihung 2019

zur aktuellsten Ausgabe der OK-Zeitung

 

 

Veranstaltungen im Bezirk Böblingen / Herrenberg

Weltpolitik, Kritik und Lösungen  


Dr. Joachim Rücker sprach im Stiftshof Sindelfingen, eingeladen von der OK im Wahlbezirk Böblingen/Herrenberg

„Die Welt aus den Fugen? Was Deutschland und Europa jetzt tun müssen“, das wollten viele wissen und kamen deshalb am Freitagabend in den Stiftshof. Pfarrer Jens Junginger begrüßte die Anwesenden mit dem Jahresspruch der evangelischen Kirche: „Suche den Frieden und jage ihm nach“. Das passe gut zum Thema und zum Referenten, der für viele ein guter Bekannter sei.

Mit seinen Erfahrungen als Diplomat auf dem Balkan und im Nahen Osten sowie im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf erklärte Dr. Joachim Rücker dann, wie er die Verhältnisse auf der Welt momentan sieht. „Der Spruch von Frank Walter Steinmeier ist eine plastische Beschreibung der neuen Realität, besonders mit Präsident Trump.“ Die USA sähen sich nicht mehr als Anführer der freien Welt, sondern zögen sich aus Syrien, Afghanistan und dem pazifischen Raum zurück und ließen so Platz für Russland, den Iran, die Türkei, die Taliban und China.“ Er zitierte den Chef der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischin­ger: „Der Welt fehlen heute die Stabilitätsanker. Regeln werden gebrochen und Institutionen geschmäht. Das ist gefährlich.“

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs jubelten die Menschen, weil sich die westlichen Werte durchgesetzt hatten: Menschenrechte, Demokratie, der Rechtsstaat und die soziale Marktwirtschaft als Basis für Frieden und Wohlstand. „Es war klar, dass man starke internationale Institutionen braucht, damit die Stärke des Rechts und nicht das Recht des Stärkeren gilt.“ Für Deutschland seien die UN, OSCE, NATO und die EU besonders wichtig gewesen. „Es geht um offene Gesellschaften, offen für Ideen und Waren, Dienstleistungen und Investitionen und offen für Menschen.“ Doch die Idylle dauerte nicht lange. Neue Kriege brachen aus durch den Zerfall der kommunistischen Staaten und in autoritär gelenkten Ländern, die sich nicht an das humanitäre Völkerrecht halten. „Das ist ein Grund, weshalb heute humanitäre Interventionen zum Schutz der Zivilbevölkerung völkerrechtlich anerkannt sind.“ Nur klappe das nicht immer. Auch den Finanzmärkten fehlten Regeln für die Globalisierung. Daraus schließt Rücker: „Wir müssen die internationale Zusammenarbeit mit einer werte- und regelbasierten Ordnung und die Institutionen stärken und uns politisch mit denen auseinandersetzen, die ihr Land zuerst fördern wollen, wie Trump und die rechten Populisten in Europa. Sie sind die weitaus größere Gefahr.“ Ausgrenzung allein reiche nicht.

Rücker nannte fünf Argumente: „Wir müssen klarstellen, dass Krieg und Terrorismus, Migration, Klimaschutz oder Cyber Space ohne internationale Zusammenarbeit nicht zu bewältigten sind.“ Auch nachhaltige Entwicklung und Wohlstand funktionierten nur in offenen Gesellschaften, siehe EU-Binnenmarkt.
Zweitens: Die Behauptung, internationale Organisationen hätten keine Legitimität, sei falsch, weil die Parlamente sie völkerrechtlich vereinbarten. Zudem bestünden viele Korrekturmechanismen. Der EU-Vertrag von Lissabon etwa regelt, dass die EU nur machen soll, was sie besser kann als die Nationalstaaten. „Die nationalen Parlamente können EU-Gesetze jederzeit stoppen.“ Es gehe allen Ländern nicht nur um Werte, sondern genauso um materielle Interessen. Es stimme auch nicht, dass es in den westlichen Gesellschaften einerseits Eliten und auf der anderen Seite kleine Leute gebe, die Schutz brauchten. „Das Argument haben schon Hitler und andere Faschisten benutzt.“ Um die Globalisierung gleichmäßiger zu verteilen, müssten die von der UN-Generalversammlung beschlossene Agenda 2030 und das Pariser Klimaabkommen umgesetzt werden. „Und schließlich dürfen wir nicht zulassen, dass die rechten Populisten unsere kulturelle Identität durch Abgrenzung rassistisch missbrauchen wollen“, sagte der Schwabe, der locker in seinen Heimatdialekt wechselt. Für Deutschland gebe es drei außenpolitische Prioritäten: die Vereinten Nationen als internationale Ordnung wirksamer machen sowie die transatlantische Partnerschaft und die Europäische Union stärken. Einem Zuhörer stieß auf, dass Deutschland sich an sein Versprechen halten und der NATO zwei Prozent seines Bruttosozialprodukts bezahlen solle. Rücker: „Im Koalitionsvertrag steht, dass genauso viel für Krisenprävention, humanitäre Hilfe und Entwicklungsarbeit bereitzustellen ist.“ In der EU habe Macron zum Neustart aufgerufen, um auf Augenhöhe mit den USA, China und anderen agieren zu können. Auf die Frage, wie der Abrüstungsvertrag zwischen Russland und den USA zu retten sei, antwortete der Diplomat: „Man sollte hinfahren, gucken und dann verhandeln. Eine Lösung gibt es immer.“ Begeistert ist Rücker von der jungen Generation, die sich für Europa und den Klimaschutz einsetzt. „Jetzt müssen nur alle wählen gehen!“

von Renate Lück

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Information und Diskussion zu "Trauung für alle"

Bevor sich die Evang. Landessynode Württemberg im Frühjahr 2018 zum Studientag "Trauung für alle" traf, erläuterte Professorin Dr. Birgit Weyel von der Universität Tübingen die Segnung von Menschen verschiedener Lebensformen aus theologischer Sicht. 

Mitglieder der OK-Gruppe Böblingen-Herrenberg wollten es anlässlich des Schwerpunkttags der Landessynode zu diesem Thema wissen (denn die Synode tagte geheim) und luden Dr. Birgit Weyel, Professorin für praktische Theologie an der Universität Tübingen, ein. 

Sie sagte rundweg: Es gibt keine theologischen Argumente, gleichgeschlechtlichen Paaren, die familiär zusammenleben wollen, den Segen für ihre Verbindung zu verweigern. "Es ist ein theologisches Problem, dass überhaupt Homosexualität und gleichgeschlechtliche Partnerschaft als das 'Andere' jenseits der Normalität thematisiert werden. Es entsteht eine Schieflage, wenn die Diskussion über die Trauung der vom Gesetzgeber anerkannten gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften in der Kirche als ein Erlaubnisdiskurs geführt wird, d.h. dass diejenigen, die die Macht für sich beanspruchen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften zur evangelischen Trauung zulassen oder nicht."   

Dr. Weyel erläuterte die bestehende Vielfalt familialer Lebensgemeinschaften anhand der Orientierungshilfe des Rates der EKD "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken": Der Familienbegriff gelte nicht nur für einen verheirateten Mann und seine Frau mit ihren leiblichen Kindern, sondern auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften; Alleinerziehende;  Patchwork-Familien; unverheiratete Paare, die auf Dauer zusammenleben; Alleinlebende, die Verantwortung in der Pflege für ihre Eltern übernehmen u.a.m. 
Verantwortung, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit – diese Begriffe rücken sowohl die Treue in den Blick als auch die Bereitschaft, die Lebensgemeinschaft auf Dauer zu gestalten. Liebe und Fürsorge kennzeichnen die Familie, die Bereitschaft, Verantwortung füreinander und für andere zu übernehmen, um eine verlässliche Gemeinschaft zu bilden. 
Daneben benennt die Orientierungshilfe nötige gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die das Zusammenleben fördern, wie die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit und Unterstützungsmöglichkeiten bei der Pflege, aber auch die kirchliche Begleitung von Familien durch Kasualien, denn die Liebe verdanke sich der Liebe Gottes. 
Zweitens erklärte sie die Sichtweise Martin Luthers auf die Ehe. "Wenn Luther die Ehe als ein 'eusserlich weltlich ding' bezeichnet, dann bedeutet dies: Sie 'gehört zum weltlichen, weltordnenden, welterhaltenden Handeln Gottes'. Sie ist 'eine verlässliche und auf Verlässlichkeit angewiesene Institution' und somit ein Rechtsinstitut, kein Sakrament. 
Nach evangelischem Verständnis ist die Trauung eine Segnung anlässlich des weltlichen Rechtsakts der Eheschließung. Wichtig ist, dass die Ehe nicht im Gottesdienst geschlossen wird, sondern in der 1875 eingeführten Zivilehe. Der Gesetzgeber habe Homosexualität und Heterosexualität rechtlich einander angenähert, begleitet und vorangetrieben durch die von vielen Wissenschaften (Medizin, Psychologie, Soziologie u.a.m.) errungenen Einsichten in die Normalität von Homosexualität. Noch gibt es eine terminologische Differenz zwischen Eingetragener Lebenspartnerschaft und Ehe. Das Bundesverfassungsgericht hat jedoch im Juli 2002 bekräftigt, dass das Lebenspartner­schaftsgesetz mit dem Grundgesetz, das Ehe und Familie unter besonderen Schutz stellt, vereinbar ist. Damit wird die Lebenspartnerschaft ausdrücklich als ein eheanaloges Rechtsinstitut anerkannt. "Trotz der – noch – bestehenden Differenzierung zwischen Ehe und Eingetragener Partnerschaft wird die Ehe zum Leitbild für familiale Lebensformen, die als verlässliche Gemeinschaften im bürgerlich-rechtlichen Sinne als schützenswert gelten."  

Dann ging sie auf die Einsprüche gegen eine kirchliche Trauung eingetragener Lebenspartnerschaften ein, die meist biblisch begründet werden. Sie kritisierte den sächsischen Bischof Rentzing, der 2015 in einem Interview der Zeitung Die Welt gesagt hatte: "Gegen homosexuelle Paare habe ich überhaupt nichts. Mich beschäftigt, was wir als Kirche ihnen mit auf den Weg geben können. Die Bibel sagt, dass die homosexuelle Lebensweise nicht dem Willen Gottes entspricht. Diese Aussagen machen es mir persönlich schwer, jemandem zu raten, dass er seine Homosexualität leben solle. Dies anzusprechen, müssen wir Christen uns vorbehalten." Diese Aussage habe mehrere theologisch problematische Implikationen: "Der promovierte Bischof ignoriert den Stand der Wissenschaften, die Homosexualität als eine sexuelle Orientierung wie Heterosexualität auch, anzuerkennen. Die in evangelikalen Kreisen immer wieder anzutreffende Phantasie, Menschen im Sinne einer Konversion zur Heterosexualität 'bekehren' zu wollen, wird durch solche Aussagen gefördert." 
Theologisch-ekklesiologisch sei es für eine evangelische Kirche irritierend, wenn ein Bischof sich selbst und andere getaufte Christinnen und Christen als ein gemeinsames Subjekt "wir als Kirche" konstruiert, denen andere getaufte Christinnen und Christen, nur weil sie homosexuell sind, als Gruppe ("ihnen") gegenübergestellt werden. Dass alle getauften Christen, wie Martin Luther sagt, zum Priester und Bischof geweiht sind, werde durch Rentzing im Ursprungsland der Reformation infrage gestellt. Homosexuelle werden nicht nur aus der Kirche exkommuniziert, ihnen werde auch noch das Christsein abgesprochen. 
Ein echtes Gespräch mit den Betroffenen finde nicht statt. Auch das sei ein Muster im kirchlichen Diskurs über Homosexualität. Im Zentrum der Widerstände stehe immer der Verweis auf die Bibel. Noch einmal Rentzing: "Die Bibel sagt, dass die homosexuelle Lebensweise nicht dem Willen Gottes entspricht." Peter Dabrock kritisiere mit aller Schärfe das Verständnis von 'der Bibel', das hier zum Ausdruck komme. "Was ist eigentlich der Wille Gottes, der sich offensichtlich auch in Lebensformvorgaben so eindeutig in der Bibel kundtut, dass klar erkennbar ist, dass bestimmte Lebensformen diesem Willen entsprechen und andere eben nicht?" 

Hier würden Standards einer Bibelhermeneutik unterschritten, die nicht nur für die akademische Theologie an den Universitäten, sondern auch für Kirchenleitungen bindend sind. Bibeltreu sei es gerade nicht, "mehr oder minder willkürlich einzelne Zitate aus der Bibliothek der Bibel herauszupicken und emblematisch vor sich herzutragen, sondern auf diese hermeneutischen Weichenstellungen zu achten, deren vornehmste Aufgabe darin besteht, die Heilige Schrift nicht zum Objekt eigener naiver Projektionen zu funktionalisieren. Biblische Texte müssen wie andere Texte interpretiert werden. Ihre zeitlichen und kulturellen Kontexte sind zu berücksichtigen. Nur so können sie einen Beitrag zur Lebensorientierung heute leisten. Man kann viele Bibelverse (Verbot des Blutgenusses, das Zinsverbot u.a.m.) nennen, die für evangelikale Christen überhaupt keine Rolle spielen." 
Im Neuen Testament finde sich kein dezidiert christliches Ehebild, sondern verschiedene Haltungen zur Ehe, die sich auf die gelebten Lebensformen beziehen. 
Es bleiben einzelne Verse, auf die immer wieder verwiesen wird: Lev 18,22; Lev 20,13, 1. Kor 6,9 und Röm 1,26b. Die beiden alttestamentlichen Stellen zielen auf eine Abgrenzung gegenüber ägyptischen und kanaanäischen Sexualpraktiken in Israel: die männliche Tempelprostitution. 
Und in 1. Kor 6,9 sind bei Paulus homosexuelle Pädophilie und homosexuelle Prostitution genannt, sodass diese Praktiken mit im Hintergrund stehen, wenn er in Röm 1,26f Homosexualität als widernatürlichen Verkehr zwischen Männern und Männern sowie Frauen und Frauen ablehne. Außerdem liege bei Paulus auch das Verständnis von Homosexualität und Geschlechterbeziehungen der Antike zugrunde, das mit den Einsichten der modernen Humanwissenschaften nicht kompatibel sei.  

Der Heidelberger Neutestamentler Peter Lampe formuliere: "Entgegen antik-jüdischer Tradition, die an die Willenskraft des Menschen appellierte und Homosexualität als moralisches Defizit wertete, wissen wir heute: Eine homosexuelle Neigung kann nicht durch Willenskraft, 'Therapie' oder heterosexuelle Ehe umorientiert werden. Der schwule Mann und die lesbische Frau nehmen sich vielmehr als so geschaffen wahr. Auch die Hautfarbe ändert niemand, wenn er sich willentlich anstrengt. Sind wir bereit, uns diese humanwissenschaftliche Erkenntnis anzueignen, beziehen sich zwangsläufig alle Aussagen von 1. Korinther 7,3–6 über die heterosexuelle Partnerschaft auch auf eine homosexuelle. [...] 
Den paulinischen Überlegungen entsprechend wäre der Auftrag der Kirche, solche Paare, wenn sie dies möchten, zu stabilisieren durch Seelsorge und rituellen Segen. Und dieser darf der Segen der Trauung sein, weil mit denselben Argumenten, mit denen Paulus die heterosexuelle Ehe begründet, auch die Ehe gleichgeschlechtlicher Kinder Gottes zu begründen ist. [...] 

Wer sich solchem Begründen nicht öffnen möchte, muss in antiker Rüstung gegen heutige humanwissenschaftliche Erkenntnisse ankämpfen. Die Frage, ob wir auf dem anthropologischen Wissensstand der Antike verharren müssen, stellt den eigentlichen Kern des innerchristlichen Streits über gleichgeschlechtliche Sexualität dar – nicht die Frage, ob wir der Bibel untreu werden müssen, wenn wir schwule und lesbische Paare trauen."   

Von der Erlaubnis zur Ermöglichung. Theologisch-ekklesiologische Überlegungen zur Situation in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Württembergs 
„Es ist nicht mit dem Selbstverständnis einer Evangelischen Kirche im 21. Jahrhundert vereinbar, dass eine Institution bzw. einzelne Akteure in dieser Institution die Macht für sich beanspruchen, über gleichgeschlechtliche Paare, die sich lieben, Verantwortung füreinander und für andere zu übernehmen bereit sind und dies zivilrechtlich bekunden zu urteilen, sie zu verurteilen, ja, schlicht zu diskriminieren. Es kann doch nicht sein, dass wieder und wieder Ressentiments reproduziert werden dürfen, die theologisch nicht haltbar sind. Eine Kirche, die an dieser Stelle nicht weiterkommt, macht sich in allen ihren Grundvollzügen der martyria (dem Zeugnis), diakonia (der Seelsorge) und koinonia (der Gemeinschaft) unglaubwürdig. Es ist dringend geboten, nicht zögerlich, sondern konsequent eine Trauung für alle zu ermöglichen", sagte Weyel und zählte auf: 
Die Evangelische Kirche im Rheinland, in Baden, in Berlin-Brandenburg und schlesische Oberlausitz, in Hessen-Nassau und in Norddeutschland habe die Gleichstellung der Trauung gleichgeschlechtlicher Paare beschlossen. Neun weitere Landeskirchen in der EKD machen einen öffentlichen Segnungsgottesdienst möglich. In der Bremischen Evangelischen Kirche entscheiden die Gemeinden. In Anhalt und Sachsen ist die Segnung vom jeweiligen Amtsträger abhängig. Ein Pfarrer, eine Pfarrerin kann hier mit Hinweis auf die eigene Überzeugung den Segen verweigern – ein Verfahren, das übergangsweise auch bei der Frage der Frauenordination angewendet wurde. 
Beschlussmäßig abgelehnt und daher nicht als öffentlicher Gottesdienst zugelassen sind die Trauung/Segnung eingetragener Lebenspartnerschaften noch in Bayern und Württemberg. Theologisch konsequent sei eine völlige Gleichstellung als Kasualie der Trauung. Die Unterscheidung zwischen Segnung und Trauung ist theologisch nicht nachvollziehbar, weil auch die evangelische Trauung von heterosexuellen Paaren nichts anderes als eine Segnung ist. Der Versuch, hier terminologisch oder gar liturgisch eine Differenz einzuführen, wäre wiederum eine Form der Diskriminierung. Es stünde der evangelischen Kirche auch gut an, ihre eigene schuldhafte Verwicklung in der Geschichte der Diskriminierung so vieler Männer und Frauen aufzuarbeiten. 
"Nicht nur kirchenpolitisch weiterführend, sondern auch für theologisch dringend geboten halte ich öffentliche Diskussionen, das Gespräch mit Betroffenen (Sprechen mit statt über) und eine Gesprächskultur, die ein theologisches Reflexionsniveau nicht unterschreitet. Darauf haben grundsätzlich alle Christinnen und Christen zu achten. Kirchenleitende haben jedoch eine besondere Verantwortung in der Art und Weise, was sie sagen und wie sie sich äußern. Immer wieder höre ich, dass man Rücksicht auf diejenigen nehmen müsse, die sich eine Trauung für alle nicht vorstellen könnten. Der Hinweis auf Rücksichtnahme zugunsten der Betroffenen, denen der Segen verweigert wird, fehlt an dieser Stelle. Dann wird immer wieder das Gespenst einer Kirchenspaltung oder der massenhaften Kirchenaustritte von Evangelikalen beschworen. Was aber ist mit denjenigen, die der Landeskirche still und leise den Rücken zukehren, weil sie sich mit einer Kirche, die Menschen diskriminiert, nicht mehr identifizieren können? Tatsächlich aber gibt es empirische Anhaltspunkte, dass die evangelischen Kirchenmitglieder in Württemberg im Durchschnitt liberaler denken als in anderen Landeskirchen, in denen die Trauung für alle bereits möglich ist. 

Den kompletten Vortrag von Prof. Dr. Weyel finden Sie hier.

In der anschließenden Diskussion wurde danach gefragt, wie man in der weltweiten Ökumene mit dem Thema umgehen könne. Prof. Weyel antwortete, dass wir schon in der EKD unterschiedliche Praxen hätten. "Wir haben ein Zeugnis abzulegen und dann können wir argumentieren - aber sachlich theologisch und nicht am Stammtisch." Eine Zuhörerin warf ein, dass man von lesbischen Frauen - auch in anderen Ländern - etwas anderes hören würde als von Männern der Hierarchie.

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