Zionismus ist nicht gleich Judentum [27.03.2012]
Israels Politik und das Schweigen der Christen - zum Buch von Mark Braverman
Am 12. März 2012 war ein amerikanischer Jude Gast im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart. Eingeladen hatten ihn die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg, der katholische Hausherr Hermann Merkle, die Gruppe Friends of Sabeel Deutschland, die Pax-Christi-Nahost AG, Pro Ökumene Württemberg, die Evangelische Mission in Solidarität (ems), das Lebenshaus Schwäbische Alb und Ohne Rüstung Leben. Gekommen waren aber auch Leute, die Schlimmes ahnten, etwa eine Dame von der deutsch-israelischen Gesellschaft, die das Publikum beschimpfte („Hier sitzt ja wohl die Creme der Israel-Kritiker!“) und ein Mann, der den Autor in der Diskussion ebenfalls scharf angriff.
Mark Braverman stellte sich zunächst vor: 1948 in eine traditionelle jüdische Familie in den USA geboren. Der Großvater war aus Palästina ausgewandert, blieb aber mit den Verwandten im Heiligen Land beziehungsweise Israel immer verbunden. Mark Braverman arbeitete als klinischer Psychologe in den Bereichen Krisenintervention und Traumatherapie. Nach Beendigung seiner Karriere las er Jimmy Carters Buch „Peace not Aparheid“ und besuchte selbst Israel und Palästina. Als er danach in den USA über seinen Schock wegen der Menschenrechtsverletzungen seiner eigenen Leute berichtete, erklärte ihm ein evangelischer Pastor, dass er mit allen Leuten über dieses Thema reden könne, nur nicht mit Juden, weil die Christen den Holocaust verursacht hätten.
Seitdem redet Braverman mit Christen und erklärt ihnen, dass dieses Verhalten nicht im Sinne Jesu ist. Der sah damals, wie die Menschen unter der Besatzung der Römer litten. Und nun werden wieder Dörfer zerstört und Menschen schikaniert, eingesperrt und getötet. Die Politik Israels beruhe auf einer fatalen Mischung der religiösen Traditionen des Bundes, der Auserwählung und der Landverheißung mit einem nationalistischen Eroberungskonzept, sagt Braverman. Er hatte einen israelischen Botschafter in Washington DC sagen hören: „Mein Auftrag war, den Leuten klar zu machen, dass Zionismus und Judentum dasselbe sind. Das ist mir gelungen.“ Doch die Menschen, die aus Angst, als Antisemiten bezeichnet zu werden, das akzeptieren, seien nicht die Freunde der Juden. Sie seien in eine Falle gelaufen. „Unser jüdischer Traum von 1948 mit der Gründung Israels führt uns in ein tiefes Verderben.“ Die Christen machten es sich leicht zu sagen, wir müssen alles tun, damit es den Juden gut geht. Das sei eine Ersatzreligion. Sie sollten sich an die Gebote Gottes halten und für Gerechtigkeit sorgen - auf beiden Seiten.
Gott lebe nicht im Tempel, sondern in den Menschen. Der Zionismus sei dem damaligen Zeitgeist geschuldet. Dass die fünf Millionen Nachkommen der palästinensischen Flüchtlinge immer noch keine Rechte im eigenen Land haben, sei Schuld der westlichen Christen. Israel sei jetzt ebenso ein Apartheid-Land, wie es Südafrika war. Kairos Israel/Palästina, Kairos Europa und Asien gehörten zu einer neuen globalen Bewegung, um Unrechtssituationen zu beenden. „Es muss schlimm sein für Deutsche zu sagen: Kauft nicht bei Juden!. Aber es ist ein überfälliges Projekt. Ihr werdet beschimpft werden, aber es geht nicht ums jüdische Volk, sondern um Jesus. Wir müssen Israel von der Apartheid retten. Das ist unsere Aufgabe.“ Renate Lück
Mark Braverman: Verhängnisvolle Scham - Israels Politik und das Schweigen der Christen, 335 Seiten, Gütersloher Verlagshaus, deutsch: 2011, ISBN 978-3-579-06684-4
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